Felber, Stefan. Kein König außer dem Kaiser? Warum Kirche und Staat durch Zivilreligion ihr Wesen verfehlen. Neuendettelsau: Freimund Verlag 2021. 243 S. Paperback: 14,80 €. ISBN: 978-3-946083-60-3.

Pfarrer Dr. Stefan Felber, Dozent für AT in Chrischona und Gastdozent an der STH Basel legt hier eine wissenschaftliche Arbeit über ein schwer zu fassendes Thema vor. Zwei Autoren, die sich in diesem Metier aber gut auskennen, beschreiben im Rückentext: „Manche Vorgänge sind hochwirksam, aber wenig bekannt und selten benannt. Dazu zählt auch ‚Zivilreligion‘, wodurch Staat und Kirche vermischt werden. Dabei sieht eine breite Zeugenschaft aus Bibel, Luther, Barmen 1934 und die deutsche Verfassung eine klare Unterscheidung vor. Staat und Kirche sind unaustauschbar und unersetzlich. Doch Zivilreligion verwischt die Grenzen mit fatalen Folgen.“ So Karl Baral, der ein Buch über Zivilreligion verfasst hat. Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter fügt hinzu: „Viele Staaten entfalten in unserer Zeit einen religiösen Charakter wie einen Gottesersatz oder Heilsbringer. Sogar Kirchen dienen sich solchen Staaten an.“

Stefan Felber beschreibt zunächst, wie er zu dem Thema kam und was Zivilreligion überhaupt ist. Hilfreich zum Verständnis ist seine nebenstehende Grafik, denn er will parallele Vorgänge in Staat und Kirche zusammenfassen. Dabei hat er aber nur die etablierten Kirchen im Blick. Da ist einmal die Politisierung der Kirche (Fortsetzung des Staates mit religiösen Mitteln) und andererseits die religiöse Aufladung der Politik bzw. des Staates der den Zusammenhalt der Gesellschaft sicherstellen will. Von daher ist das Buch hochaktuell, aber nicht leicht zu verstehen.

Die Beobachtungen des Verfassers in kirchlich-theologischer Literatur beschreibt er so: „Zivilreligion ist beim Staat Zuvielreligion, nämlich Religion da, wo sie nicht hingehört, und in der Kirche Zuwenigreligion, ein Mangel an echtem geistlichen Leben.“ (S. 30) Hier gibt es Menschen, die nie zur Kirche kommen, aber „eingemeindet“ bleiben und stimmberechtigt bei kirchlichen Wahlen sind. Kein Wunder, dass die Synoden von solchen Leuten besetzt sind.

Anschließend erklärt Felber das Dilemma des freiheitlichen Staates im Verhältnis zur Religion wie es der Verfassungsrechtler Böckenförde formulierte: „Der freiheitlich säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Die Bürger müssen eine gewisse Grundeinstellung haben, weil sonst der Staat nicht funktioniert. Denn wenn alle seine Ziele nur mit Zwang durchgesetzt werden müssen, wäre der Staat bald kein freiheitlicher Staat mehr. Daraus könnte man allerdings schließen, dass eine Zivilreligion nötig wäre.

Klarheit schafft dann erst die biblische Besinnung. Felber versucht zu zeigen, dass der Anfangsfehler Israels nicht im Königtum an sich bestand, sondern im Wunsch, so zu sein wie die Heidenvölker und über die Religion zu bestimmen. Doch im größten Teil der Menschheitsgeschichte gilt, dass Gesellschaft nur in der Einheit von religiöser und staatlicher Ordnung denkbar war. „Es ist die gemeinsame Abhängigkeit, welche König und Untertanen in eine Einheit band.“ (S.94) Als aber der römische Kaiser Augustus den Kaiserkult zur zivilreligiösen Klammer machte, musste das Christentum seinen eigenen Weg finden. Und als die jüdische Obrigkeit sich im Prozess gegen Jesus staatsfromm anbiederte „Wir haben keinen König als den Kaiser“ (Joh 19,15), gab sie ihre eigenen Rechtsquellen auf.

Felbers Fazit vom NT her: Der Ruf, Obrigkeiten zu akzeptieren und sich unterzuordnen, betrifft Christen also nur als Bürger. In der Gemeinde Christi hingegen ist Jesus das alleinige Haupt. Kurz: Der Staat hat im Gottesdienst der Gemeinde Christi nichts zu bestimmen. „Die Gemeinde soll also konkret darum beten, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden.“ (S. 114) Paulus sieht „das staatliche Gewaltmonopol begrenzt auf die Durchsetzung von Recht und Frieden.“ (S. 120)

Es folgen Zeugnisse aus der Geschichte und formulierte Ergebnisse des Autors: Ist die Kirche in der Hand der Zivilreligion? Wenn sie dem Staat nur nach weltlichen Maßstäben nützlich sein will, wird sie Teil dieses hurerischen Systems. „Sie wird zur vom rettenden Glauben abgefallenen Vereinigung derer, die Gott als verfügbaren Götzen und sein Wort als Menschenwort auslegen und nach Bedarf anpassen.“ (S. 173) Zivilreligion, einmal angetreten, mutiert zum eisernen Würgegriff einer Hypermoral; „und deren wichtigste Triebfeder ist die Säkularisierung, wechselseitig verstärkend die Selbstprostituierung der Kirche.“ (S. 175) „Herrschaft von Zivilreligion läßt die Kirche zur Hure implodieren, den Staat zum Weltanschauungsstaat explodieren, in dem Politik und Ideologie ununterscheidbar geworden sind.“ (S. 199f.)

Manches findet der Rezensent als etwas kleinkariert, wie die Benutzung der unrevidierten Orthographie als Ausdruck des Widerstands gegen Eingriffe des Staates (S. 13). Andere Eingriffe des Staates lassen sich durchaus im bürgerlichen Sinn verstehen, denn Gottesdienst- und Singverbote in der „sogenannten“ Corona-Krise betrafen ja alle Versammlungen ähnlicher Art und richteten sich nicht explizit gegen „den Gottesdienst“. (S. 199) Allerdings sind folgende Beobachtungen durchaus richtig: „Wird die Politik religiös und hypermoralisch aufgeladen, sind Abweichler Ketzer. […] Der Westen erlebt zunehmende Gewalt gegen diejenigen, die die herrschende Gleichheitsideologie in Frage stellen.“ (S. 203)

Im Epilog fragt Felber nach dem Martyrium. Es ist ihm zuzustimmen: „Ein striktes Nein muß festgehalten werden gegenüber allen staatlichen Versuchen, bestimmte Glaubensinhalte zu erlauben oder zu verbieten.“ (S.217) Das Buch schließt mit einem lesenswerten Anhang von Alexander Kissler: „Die Politisierung der Kirchen schadet diesen selbst am meisten.“

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