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Jüdische HochzeitFrage: „Wenn man das Johannes-Evangelium liest, werden gleich am Anfang die Ereignisse bestimmten Tagen zugeordnet. Wenn man dem aber nachgeht, passt der dritte Tag von Johannes 2,1 überhaupt nicht in den Zusammenhang.

Wie soll man das verstehen? Ich habe einmal von einem „Experten“ gehört, dass mit dem dritten Tag auch der dritte Tag der Hochzeit gemeint sein könnte. Ist das richtig?

Die Antwort könnte zunächst an „Radio Jerewan“ erinnern: „Im Prinzip ja, aber dann müsste der zugrundeliegende griechische Text in Wortstellung und Grammatik anders lauten.“

Ich habe bisher keine Übersetzung des Neuen Testaments gefunden, die den Text etwa so wiedergibt: „Nun fand der dritte Tag einer Hochzeit in Kana, in Galiläa statt.“ Das wäre nicht nur falsch übersetzt, sondern auch eine ziemlich sinnlose Zeitangabe, da sie keinerlei Ausgangspunkt hat. Andererseits muss sich das von Johannes berichtete Geschehen doch an einem der späteren Tage der Hochzeit abgespielt haben. [ 1 ]Es gibt allerdings noch eine alternative Deutung für den dritten Tag, die vom jüdischen Hintergrund herkommt. Die Juden hatten nämlich keine Namen für die Wochentage außer dem Sabbat. Die anderen Tage trugen einfach nur Zahlen. Der Tag nach dem Sabbat war der erste Tag, folglich war der dritte Tag ein Dienstag. Das war der traditionelle Hochzeitstag bei den Juden, weil am dritten Schöpfungstag Gott zweimal sagte: „Es war gut“.

Bleiben wir zunächst bei der traditionellen Übersetzung: „Und am dritten Tag war eine Hochzeit zu Kana …“ Dadurch entstehen aber abgesehen von der Tageszählung zwei weitere Missverständnisse:

  1. Bei einer Hochzeit denkt der Deutsche gewöhnlich an einen einzigen Tag. Wenn im damaligen Israel aber eine Jungfrau heiratete, dauerte eine Hochzeit sieben Tage (bei der Wiederverheiratung einer Witwe nur drei). Am Abend des ersten Festtags holte der Bräutigam die Braut ins Hochzeitshaus (siehe Matthäus 25). Singen, Tanzen und festliches Essen füllten die Hochzeitstage aus.
  2. „Am dritten Tag“ meint in der biblischen Sprache nicht drei Tage später, sondern man zählte den ersten angefangenen Tag, den zweiten vollen Tag und den dritten angefangenen Tag. Wir sollten deshalb für Deutsche verständlicher übersetzen: zwei Tage später.

Noch eine weitere Überlegung ist notwendig, um den dritten Tag nicht im Ungewissen schweben zu lassen. Wir brauchen einen Termin für den Beginn der Zählung. An dieser Stelle sind sich aber die meisten Ausleger einig. Die Zählung beginnt an dem Tag, an dem Jesus Philippus und Natanaël traf. Dem entspricht in etwa auch die Reisezeit vom Tauf-Ort des Johannes bis nach diesem Kana in Galiläa. Vermutlich war es Chirbet Qana, 14 km nördlich von Nazaret.

Das Gespräch des Herrn mit Natanaël, das wir als Ausgangszeitpunkt vermuten, ist in zweierlei Hinsicht interessant.

  1. Natanaël hatte Jesus „Sohn Gottes“ und „König von Israel“ genannt, weil dieser ihn schon durchschaut hatte, als er allein unter dem Feigenbaum saß. Jesus hatte ihm aber versprochen, dass er noch viel größere Dinge sehen würde. Diese größeren Dinge nahmen dann in Kana ihren Anfang mit dem ersten Wunderzeichen, das Jesus tat.
  2. Natanaël wird das nie vergessen haben, denn er stammte ja aus jenem Kana (Joh 21,2). Vielleicht hatte er sogar schon im Voraus vom Zeitpunkt der Hochzeit gehört, ahnte aber noch nicht, dass sie dahin unterwegs sein würden.

Das ganze Geschehen vor dem ersten Wunderzeichen des Herrn in Kana können wir uns etwa so vorstellen: Nach dem Gespräch mit Philippus und Natanaël brach Jesus nach Galiläa auf. Offenbar folgten die beiden ihm als ihrem Rabbi ebenso wie Andreas, der seinen Bruder Petrus mitbrachte (1,40-42). Der eine namentlich nicht genannte Jünger (1,35) war mit Sicherheit Johannes, der spätere Verfasser des Evangeliums, der vielleicht schon zu diesem Zeitpunkt seinen Bruder Jakobus mitbrachte. Es könnte also eine Mannschaft von sechs jungen Männern gewesen sein, die Jesus nach Galiläa folgte.

Vermutlich war Nazaret das erste Ziel, das Jesus ansteuerte. Weil er seine Mutter aber nicht in seinem Heimatort Nazaret antraf und hörte, dass sie zu einer Hochzeit nach Kana gegangen sei, wird er seine Reise dorthin bald fortgesetzt haben.

Als die sieben jungen Männer in Kana ankamen, war die Hochzeit schon einige Tage in Gang. Aber sie werden als unverhoffte Gäste noch eingeladen. Doch bald darauf ging der Wein zur Neige. Als Freundin des Hauses empfand Maria die Verlegenheit der Gastgeber, an der die neuen Gäste wohl auch ihren Anteil hatten, und ließ ihren erstgeborenen Sohn an ihrer Sorge teilhaben …