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heuteIn der Bibel kommt die Wendung "bis auf diesen Tag" oder "bis heute" immerhin 90 Mal vor. Gelten die in diesem Zusammenhang genannten Dinge wirklich bis heute, also zu dem Zeitpunkt, an dem ich das in der Bibel lese?

Das ist natürlich nicht so. Trotzdem musste ich zwei Fußnoten ändern. Die Wendung hat nämlich verschiedene Bedeutungen, die man nicht immer gleich aus dem Zusammenhang erkennen kann. Und bibelkritische Theologen betrachten die Formulierung generell als Kennzeichen für ätiolische Sagen.

Die Schlussformulierung "bis auf diesen Tag" würde zum Beispiel in Josua 1-12 achtmal auf solche sagenhaften Erzählungen hinweisen (zum Beispiel warum der Ort Gilgal ein Heiligtum wäre, was der Steinhaufen im Tal Achor bedeute, nämlich das Grab Achans). Ätiolische Sagen wollen also angeblich gegenwärtige Gegebenheiten durch Vorgänge in der Vergangenheit erklären oder begründen. Inwieweit dabei die Vorgänge in der Vergangenheit unbedingt erfunden sein müssen, darüber streiten sich die Gelehrten noch.

Es geht aber auch sehr viel einfacher und für den Bibelleser verständlicher. Drei Möglichkeiten sind erkennbar:

1. Die Situation des Sprechers

Sie ist in der Bibel immer leicht zu erkennen. Ob nun Samuel redet oder eine Eselin, ist im Prinzip egal.

1. Samuel 12,2 (NeÜ) Von meiner Jugend an habe ich euch geführt, bis heute.

4. Mose 22:30  (Elb) Und die Eselin sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, auf der du geritten bist von jeher bis auf diesen Tag? War ich je gewohnt, dir also zu tun? Und er sprach: Nein.
(NeÜ) Das Tier erwiderte: "Bin ich nicht deine Eselin, auf der du zeitlebens geritten bist? Habe ich jemals so reagiert wie heute?" – "Nein", sagte er.

2. Der Zeitpunkt der Niederschrift

In den meisten Fällen meint "bis heute" den Zeitpunkt der Niederschrift des entsprechenden biblischen Buches. Das betrifft zum Beispiel Namensgebungen:

1Mo 26,33 Da nannte Isaak den Brunnen Schiba, Schwur. Deshalb heißt die Stadt bis heute Beerscheba, Schwurbrunnen.

Es betrifft auch Denkmäler und sogar Gewohnheiten:

Jos 4:9 Josua aber schichtete mitten im Jordan an der Stelle, wo die Priester mit der Bundeslade standen, ebenfalls zwölf Steine auf. Dort liegen sie heute noch.

2Sam 18,18 Abschalom hatte schon zu Lebzeiten einen Gedenkstein für sich errichten lassen. Denn er hatte sich gesagt: "Ich habe keinen Sohn, in dem mein Name fortleben könnte." Deshalb gab er dem Stein seinen Namen. Er steht bis heute im Königstal, und man nennt ihn den Abschalom-Stein.

1.Sam 5:5 Deshalb tritt bis heute kein Priester Dagons und kein Besucher des Tempels auf die Türschwelle. 

3. Der Zeitpunkt der Niederschrift des eingearbeiteten Dokuments

Zur inspirierten Entstehung der heiligen Schriften gehört auch, dass die Autoren manchmal andere ihnen vorliegende Texte zitierten und so in ihr Buch einarbeiteten. Ganz deutlich wird das im Buch der Sprüche, im Buch Daniel, das Dokumente in der Originalsprache zitiert, aber auch im Lukas-Evangelium und in den Königs- und Chronikbüchern. Bei letzteren musste ich zweimal die Fußnote ändern, als ich das entdeckte.

2Chr 5,9: Die Stangen waren so lang, dass man ihre Enden vom Heiligtum aus nur sehen konnte, wenn man direkt vor dem hinteren Raum stand. Sonst waren sie vom Heiligtum aus nicht zu sehen. Die Lade befindet sich noch heute dort.

Als ich das kürzlich las, wurde mir bewusst, dass die Chronikbücher ja zu einer Zeit geschrieben wurden, als der Tempel durch Nebukadnezzar längst zerstört war. Ähnlich war es mit der Parallele in 1. Könige 8,8. Deshalb habe ich die Fußnote so geändert:

Heute meint hier einen Zeitpunkt vor der Zerstörung des salomonischen Tempels, als der Verfasser noch lebte, dessen Text hier eingearbeitet ist. Siehe auch die Einleitung zu 2. Chronik (bzw. 1. Könige).