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Sonnenaufgang Andreas Hermsdorf pixelio.deJeder von uns hat eine genaue Vorstellung von einer Stunde. Und wenn jemand nach der Tageszeit gefragt wird, gibt er diese meist auf die Minute genau an, zum Beispiel „fünf vor drei“. Er meint damit 14.55 Uhr. Wie war das aber, als man noch keine Uhren hatte und dennoch von Stunden sprach wie im Neuen Testament?

Zeitmessung ohne Uhren

Die Bibel beschreibt schon in ihrem ersten Kapitel, wonach sich alle Völker richten konnten:

1Mo 1,14 Dann sprach Gott: "An der Wölbung des Himmels sollen Lichter entstehen. Sie sollen Tag und Nacht voneinander trennen, und als leuchtende Zeichen sollen sie die Zeiten bestimmen: Tage, Feste und Jahre.“

1,19 Es wurde Abend und wieder Morgen – vierter Tag.

Die Gestirne dienten seit ihrer Existenz zur Bestimmung von Tagen, von Festzeiten in verschiedenen Monaten und von Jahren. Aber auch auf den einzelnen Tag beschränkt gibt es Fixpunkte, die mit bloßem Auge einigermaßen genau feststellbar sind.

Mit dem Sonnenaufgang, wenn die Oberkante der Sonnenscheibe den Horizont überschreitet, beginnt den Tag. Mit dem Sonnenuntergang, wenn die Oberkante der Sonnenscheibe den Horizont unterschreitet und mindestens drei Sterne sichtbar sind, beginnt die Nacht. Aber nur zu den Zeiten der Tagundnachtgleiche im März und September sind Tag und Nacht ungefähr gleich lang.

Am Tag lässt sich feststellen, wann die Sonne an ihrem höchsten Punkt steht. Diese Mittagshöhe lässt sich nicht nur am Himmel, sondern auch am Schattenstand beobachten. Auf diese Weise sind weitere Unterteilungen möglich.

Für die Nacht lässt sich mit einiger Übung die scheinbare Bewegung der Sternbilder beobachten. Deren Stellung zu einer bestimmten Nachtstunde ändert sich zwar im Jahreslauf kontinuierlich, aber mit der nötigen Detailkenntnis kann man zu jeder Jahreszeit mit Hilfe der täglichen Bewegung des Sternhimmels die Zeiten abschätzen.

Tageszeiten im Alten Testament

Im Allgemeinen unterschied man am hellen Tag nur drei Perioden: Morgen, Mittag und Abend. Die Nacht teilte man in drei Nachtwachen: Klgl 2,19 wird der Beginn der Nachtwachen erwähnt, Ri 7,19 die mittlere Nachtwache und 2Mo 14,24 und 1Sam 11,11 die Morgenwache.

Im Hebräischen gibt es kein Wort für Stunde. Nur von König Hiskija wird 2Kö 20,9-11 und Jes 38,8 berichtet, dass der Schatten durch ein Wunder um zehn Stufen zurückgehen sollte, was möglicherweise auf eine einfache Sonnenuhr oder auch nur auf eine Treppe hinweist. Welche zeitlichen Abstände diese „Stufen“ beschrieben haben, ist uns aber nicht bekannt.

Wenn das Wort „Stunde“ doch einmal in Übersetzungen des AT auftaucht, dann meint es nur einen bestimmten Termin oder Zeitpunkt, zum Beispiel 1Mo 25,24 (NeÜ) oder Dan 7,12 (EÜ)

Bei Nehemia, also in der Zeit nach dem Exil, wird die Mittagszeit (anders als sonst im AT) mit „Hälfte des Tages“ beschrieben (Neh 8,3). Außerdem ist im gleichen Buch zweimal von einem Viertel des Tages die Rede (Neh 9,3).

Tageszeiten im Neuen Testament

In dieser Zeit dachte man schon in Stunden, wie das häufige Vorkommen des Begriffs (106x in 99 Versen) beweist. An vielen Stellen verweist Stunde allerdings nur auf einen bestimmten Termin oder Zeitpunkt, zum Beispiel Mt 24,36. An anderen Stellen wird eine Zeitspanne in Stunden ausgedrückt:

Der helle Tag (Joh 11,9) und die Nacht wurden in je zwölf Stunden eingeteilt, wobei abgesehen von der Tagundnachtgleiche die Stundenlänge von Tag und Nacht jeweils unterschiedlich war, abhängig von der Jahreszeit. Die Stunden wurden auch beziffert. Es kommen folgende Stunden vor die 3., 6., 7., 9., 10. und 11. Siehe die Tabelle „Stundenangaben im Neuen Testament“. Man begann mit der Zählung für den Tag bei Sonnenaufgang und für die Nacht bei Sonnenuntergang. Eine Stundenzählung von Mitternacht an war damals unbekannt – auch bei den Römern. Siehe dazu den Aufsatz Römische Stundenzählung.

Eine Stundenangabe kann aber nicht mit einer bestimmten Uhrzeit identifiziert werden, sondern nur mit der Zeitspanne von einem Zwölftel des Tages. Die 11. Stunde meint also nicht 17.00 Uhr, sondern dass bereits zehn Zwölftel des Tages verstrichen sind und man sich im elften Zwölftel befindet. Am genauesten konnte man die Mittagszeit als das Ende der 6. Stunde definieren und die ungefähre Mitte vom Vor- und Nachmittag. Von daher führen konkrete Stundenangaben in heutiger Uhrzeit meist in die Irre. Sie täuschen außerdem eine Genauigkeit vor, die es nicht gab.

Im Alltag gebrauchte man die größeren Einheiten von Vierteln des Lichttages und der Nacht. Erst nachdem sich im Spätmittelalter die unveränderlichen Stunden im Alltag durchgesetzt haben, verlor die antike Tageseinteilung ihre Bedeutung.

So wurden die vier Nachtwachen (gegenüber drei im alttestamentlichen Israel) spätestens mit Einflussnahme der Römer im Gebiet Israels eingeführt. Mk 13,35 nennt die Namen der vier Nachtwachen: zwei vor der genauen Mitte der Nacht, nämlich Abend und Mitternacht und zwei nach der Mitte der Nacht, nämlich Hahnschrei und Morgen. Jede Nachtwache war drei Zwölftel der Nacht lang. Lk 12,38 wird eine zweite und dritte Nachtwache erwähnt, Mk 6,48 die vierte Nachtwache.

Die Viertel des Lichttages in Rom hießen: mane (Morgen), ante meridiem (Vormittag), post meridiem (Nachmittag) und vesper (Abend). Diese wurden von Amtsdienern der Konsuln öffentlich ausgerufen.[ 2 ]Wolfgang Trapp: Kleines Handbuch der Maße, Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung. Philipp Reclam, Stuttgart 1998, S. 53. Das heißt bei ante meridiem, dem zweiten Viertel des Lichttages, wurde sowohl der Beginn als auch das Ende dieses Tagesabschnitts ausgerufen. Beim ersten Tagesviertel war der Beginn ja mit dem Sonnenaufgang gegeben.

Interessant ist die Bemerkung von Lukas im Zusammenhang mit der Überführung des Paulus von Jerusalem nach Cäsarea (Apg 23,23). Die 470 Soldaten sollten „von der dritten Stunde der Nacht an“ aufbrechen, das heißt mit dem Anfang der zweiten Nachtwache.

Uhrzeit NTDer Evangelist Markus, der sein Evangelium wahrscheinlich in Rom schrieb, nennt als Einziger eine Zeit für die Kreuzigung von Jesus Christus. Möglicherweise beschreibt die von ihm erwähnte „dritte Stunde“ (Mk 15,25) das zweite Viertel des Lichttages so wie Lukas mit der 3. Stunde der Nacht den Beginn der zweiten Nachtwache erwähnt. Markus kannte jedenfalls die öffentliche Ausrufung des 2. Tagesviertels, die am Ende der 3. Stunde erfolgte. Wenn das richtig ist, könnte die von Johannes (Joh 19,14) erwähnte 6. Stunde (in der Grafik schraffiert dargestellt) die er ausdrücklich mit „ungefähr“ klassifiziert, sogar noch einen Teil der 5. Stunde beschreiben. In dieser Zeit fällte Pilatus das endgültige Urteil über Jesus und ließ ihn zur Kreuzigung abführen. Das könnte mehr als eine Stunde vor dem Mittag gewesen sein.[ 3 ]Siehe dazu auch: Craig Blomberg, Die historische Zuverlässigkeit der Evangelien, Nürnberg: VTR 1998. Blombergs Begründung ist etwas anders. Seine Darstellung wird in neueren konservativen Bibelkommentaren als derzeit schlüssigste Annahme zitiert.