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Ebertshäuser GotteswortGotteswort oder Menschenwort? Moderne Bibelübersetzungen unter der Lupe. Oerlinghausen: Betanien 2006. 189 S. Paperback: 8,50 €. ISBN: 3-935558-72-4

Ebertshäuser GotteswortDer Verfasser, der vor und nach seiner Bekehrung einige Wandlungen durchgemacht hat (Marxist, Esoteriker, Charismatiker, Anticharismatiker), der eine eigene Homepage und einen eigenen Schriftendienst unterhält und dort viele „Gegen-Stellungnahmen“ veröffentlicht hat, legt nun ein Buch vor, das scharf gegen die meisten gängigen Bibelübersetzungen Stellung bezieht, vor allem gegen die so genannten kommunikativen. Für ihn ist offenbar nur eine einzige Übersetzung ohne Fehl und Tadel, das ist die „Schlachter 2000“ an der er nach eigener Aussage selbst mehr als sieben Jahre mitgearbeitet hat (S. 8; vgl. Tab. S. 185-189). Alle anderen der 43 aufgeführten Übersetzungen und Revisionen werden von ihm mit Aussagen tituliert wie: „lehrmäßig unzuverlässig“ (NGÜ u.a.), „mit starken textkritischen und teilw. liberaltheol. Einflüssen in Text und Anmerkungen“ (Rev. Elberfelder 1986) o.ä.

Schon im einführenden Teil, in dem der Verfasser unter anderem einen geschichtlichen Abriss der Bibelübersetzungen gibt, wird die Tendenz seiner Aussagen in der „geistlichen Beurteilung“ der Septuaginta (LXX) deutlich (S. 19). Die jüdische Gemeinschaft in Alexandria, schreibt er, sei nicht mehr orthodox gewesen (woher weiß er das?) und habe dort einen Tempel gebaut. Nach meiner Information stand der Tempel aber nicht in Alexandria, sondern mehr als 200 km südlich in Leontopolis. Und dann habe es in Alexandria einen schlimmen Verführer gegeben, nämlich den jüdischen Philosophen Philo. Sicher ist aber, dass Philo viele Jahrzehnte nach(!) Fertigstellung der LXX lebte.

Nach ähnlichem Schema argumentiert der Autor auch bei der Beurteilung der Revidierten Elberfelder Bibel (REÜ). „Die liberaltheologischen Tendenzen des Brockhaus-Verlages“ hätten Spuren hinterlassen. (S. 39). Beweis: Der Verlag habe 1971 das „Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament“ und das lästerliche Werk „Das Buch von Gott – Die Bibel als Roman“ herausgegeben. Ebertshäuser meint also, die Entscheidung eines Verlags über andere Bücher hätte alle Mitarbeiter in der Übersetzungskommission so infiziert, dass Bibelkritik nun auch in ihre Arbeit eingeflossen sei.

Außerdem habe die REÜ in der Fußnote zu Jes 7,14 („die Jungfrau wird schwanger werden“) „o. die junge Frau, das Mädchen“ stehen. Damit folge also auch die REÜ „der bösartigen Lehre der ungläubigen Theologen ... die das Wort parthenos in Mt 1,23 dem ‚Gemeindemythos’ zuschreiben.“ (S. 40). Abgesehen davon, dass diese Fußnote nichts von dem besagt, was Ebertshäuser vermutet (denn damals war eine unverheiratete junge Frau praktisch immer eine Jungfrau) ist die Anmerkung in den neuesten Ausgaben der REÜ bereits getilgt.

Auch an anderen Stellen ist die Argumentation des Verfassers schwer einzusehen. So schreibt er, dass die „Vielzahl der angebotenen ‚Bibeln’ in gewisser Weise die Kraft und Autorität des Wortes Gottes schwächen“ würde (S. 29), hat aber gerade dazu geholfen, eine neue revidierte „Schlachter“ in den Markt zu drücken. Den anderen „modernen Bibelausgaben“ unterstellt er allerdings „fragwürdige geschäftliche Motive“ (S. 29), ohne das in einem einzigen Fall nachzuweisen.

Es ist nicht ganz klar, was der Verfasser mit dem Begriff „geistlich“ meint, mit dem er fleißig wuchert. Jeder gottesfürchtige Übersetzer müsse „geistlich unterscheiden und erkennen, welchen Grundtext er für seine Übersetzung wählen soll“. Es sei „geistlich wichtig“, dass der durch Gottes Vorsehung bewahrte und zuverlässig überlieferte Text zugrunde gelegt würde (S. 31). Für das Alte Testament bedeutet das für ihn: „Der Masoretische Text geht direkt auf die von Gott gegebene Überlieferung der alttestamentlichen Schriften zurück“ (S. 31). Für das Neue Testament läge der Textus Receptus allen „großen und gesegneten Bibelübersetzungen seit dem 16. Jahrhundert zugrunde“ (S. 33). Jede Forschung zur Textfindung an den fast 6000 Handschriften nennt Ebertshäuser „Textkritik“ und stellt diese praktisch der Bibelkritik gleich.

Was weitere „Maßstäbe für eine ‚bibeltreue’ Bibelübersetzung“ betrifft, kann man dem Verfasser durchaus folgen: Der von Gott inspirierte Grundtext muss getreu wiedergegeben werden (S. 35). Der Übersetzer sollte wiedergeboren sein, eine tiefe Ehrfurcht vor dem Wort Gottes haben und eine biblisch gesunde Lehre vertreten. Was für ungesunde Lehren Ebertshäuser nun allerdings in den Übersetzungen findet, behauptet er wieder fast überall ohne jeglichen Beweis (S. 40f).

Richtig ist aber, dass die deutsche Sprache sich verändert, wie auch der Verfasser bemerkt. Von daher sollte man statt „Seligkeit“ – „Rettung“ übersetzen, statt „selig werden“ – „gerettet werden“ (S. 36) und auch andere „veraltete und heute nicht mehr verständliche Worte“ durch heute verständliche ersetzen (S. 37). Weshalb verbietet er das aber bei „Buße“, einem Wort, das seine eigentliche Bedeutung in der heutigen Umgangssprache ebenfalls verloren hat? Die Wiedergabe mit: „Ändert eure Einstellung“ verwässere seiner Meinung nach die Aussage und bringe den „Gedanken der Herzensumkehr zu Gott und den Ernst des Aufrufs nicht wirklich zum Ausdruck“ (S. 73f.). Tut das aber das Wort „Buße“?

Zustimmen könnte man dem Verfasser prinzipiell schon, wenn er schreibt: „Ein etwas freieres sinngemäßes Übersetzen darf nur dort gewählt werden, wo die wörtliche Übersetzung das Verständnis stark erschweren oder unmöglich machen würde ...“ (S. 35). Das Problem ist nur, dass das Neue Testament selbst es an verschiedenen Stellen anders gemacht hat, als Ebertshäuser es vorschreibt, was ihm selbst offensichtlich entgangen ist. Es gibt etliche Beispiele dafür, dass der Masoretische Text durchaus klar war und dennoch nach der an dieser Stelle freien Übersetzung der LXX zitiert wird (z.B. 5Mo 27,26 in Gal 3,10).

Im Teil B seines Buches vergleicht der Autor einzelne Bibelstellen in verschiedenen Übersetzungen. Als Maßstab zieht er aber nicht den Grundtext heran, sondern „Schlachter 2000“. Damit soll nicht diese Übersetzung in Frage gestellt werden, sondern die Vorgehensweise des Verfassers im Urteil über andere Übersetzungen, denn er geht immer vom deutschen(!) Wort und seinem eigenen Sprachgefühl aus. So sei „Botschaft“ unbestimmter als „Wort“ (S. 74), Mt 11,30: „Dann findet euer Leben Erfüllung“ sei psychologisch ausgedeutet, völlig eigenmächtig und keinesfalls Übersetzung der Worte des Herrn (S. 77). Es müsse unbedingt heißen „So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“. „Glauben“ sei ein biblischer Begriff, „Vertrauen“ hingegen nur auf das Zwischenmenschliche fixiert (S. 165).

Sehr stört ihn die angeblich „systematische Auslöschung des biblischen Grundbegriffes ‚Fleisch’“ (S. 145). Hier zeige sich „die verfinsterte Arroganz der liberalen Bibelkritiker“ (S. 146). Dass derselbe Begriff in einem anderen Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung haben kann, berücksichtigt er nicht. Wenn ein Übersetzer sich an einigen Stellen erlaubt „Geschwister“ statt des „altvertrauten Begriffs ‚Brüder’“ zu wählen, vermutet er: „Es ist für die vom Zeitgeist beeinflussten Übersetzer offensichtlich ein Ärgernis ...“ (S. 160).

In Abschnitt C unterstellt Ebertshäuser allen „kommunikativen“ Übersetzungen die Übersetzungstheorie Nidas. Er behauptet, solche Bibeln würden den Text neu erschaffen, den Heiligen Geist ausschließen und einen humanistischen Ansatz vertreten. (S. 135). Hier zeige sich ein „erschreckender menschlicher Hochmut, der sich über Gott erhebt und den Menschen zum Maßstab aller Dinge macht“ (S. 136). „Der moderne Übersetzer maßt sich an, besser zu wissen, wie Gottes Gedanken ausgedrückt werden sollen, als Gott selbst“ (S. 141). Diese Übersetzungen seien „Ersatzprodukte des menschlichen Verstandesdünkels, der arrogant meint, er müsse die Sache besser ausdrücken als Gott“ (S. 169). Dennoch wolle er „kein Urteil über die subjektiven Absichten der Übersetzer fällen. Die mögen ... durchaus ehrbar und wohlmeinend sein.“ (S. 175). Er ist aber dennoch überzeugt, es sei „die bibelkritische Theorie der Gedankeninspiration, die den modernen Übertragungen zugrunde liegt ...“ (S. 163) und: „Die modernen Bibelübertragungen entsprechen genau dieser Tendenz des geistlichen Abfalls vom wahren Glauben“ (S. 176) und sie führen zu einer „unterschwellige Umdeutung und Auflösung der ewigen Gottesworte“ (S. 167).

Die Begründung für eine derart massive Ablehnung aller vom Verfasser als „modern“ bzw. „kommunikativ“ charakterisierten Übersetzungen ist dünn. Sie besteht in einer Auflistung von Bibelstellen, die den Begriff „Wort(e)“ enthalten, sowie dem Hinweis auf die Verlesung des Gesetzes in Nehemia 8 mit darauf folgender Erklärung und dem Geschehen von Apg 8, wo Philippus dem „Kämmerer“ die messianischen Aussagen Jesajas erläutert. Keine der zitierten Stellen begründet jedoch eine wort- bzw. formgetreue Übersetzung. Auch die Hinweise des Verfassers auf Neh 8 und Apg 8 machen keineswegs deutlich, dass „eine solche  wortgetreue Übersetzung die von Gott gewollte Methode“ ist, sondern nur, dass in diesen beiden Fällen die gelesenen Texte erklärt wurden.

Der Hinweis auf die alttestamentlichen Zitate im Neuen Testament ist schon gewichtiger. Tatsächlich geben die meisten dieser Zitate den hebräischen (masoretischen) Text (meist mit der LXX und manchmal auch gegen sie) wörtlich genau wieder. Dem gegenüber stehen aber auch etwa 50 Zitate, die nach der LXX zitiert wurden, den Wortlaut des MT jedoch verlassen, ohne allerdings den Sinn des Textes zu ändern. Teilweise gibt die im NT zitierte LXX den Text sehr frei wieder und parapharasiert sogar, was Ebertshäuser allerdings verboten hat (Beispiele für die freie Wiedergabe der LXX: 3Mo 26,12 und Hes 37,27 in 2Kor 6,16; Spr 3,34 in Jak 4,6 und 1Pt 5,5; Spr 11,31 in 1Pt 4,18). Diese Tatsache würde viel mehr dafür sprechen, dass man sehr wohl eine sinngenaue Übersetzung neben einer wortgenauen verwenden darf.

Insgesamt dürfte die vorgelegte Arbeit mit ihren vielen unbewiesenen Unterstellungen, falschen Argumenten und ihrer mangelhaften Methodik viel Verwirrung stiften und dem Volk Gottes mehr schaden als nützen.