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„Selbstverwirklichung sucht nur derjenige, der unfähig ist, den Sinn des Lebens in etwas anderem zu finden als in seinem eigenen Egoismus.“

Von Victor Frankl soll der Satz stammen und er könnte prophetisch gewesen sein. Ein deutsches Nachrichtenmagazin, das sich in einigen Artikeln mit dem Zustand unserer Gesellschaft befaßte, betitelte eines ihrer Hefte „Die Ego-Gesellschaft“. Nichts ist dieser Gesellschaft so zuwider wie Gehorsam, Unterwürfigkeit, Unterordnung. Wer positiv von „untertan sein“ spricht wird vom Zeitgeist mit äußerster Verachtung bestraft.

Wir wollen aber nicht so tun, als gelte das nur für die heutige Gesellschaft oder nur für die Menschen außerhalb von christlichen Gemeinden. Der menschliche Eigenwille will von Unterordnung nichts wissen. Man sträubt sich sogar dagegen, hier den Begriff „Unterwerfung“ oder gar „Untertan sein“ zu gebrauchen. Unterordnung klingt harmloser und nicht so altmodisch untertänig.

Untertan sein

In der Elberfelder Bibel (revidiert und unrevidiert) kommt der Begriff nur achtmal vor, das griechische Grundwort im Neuen Testament jedoch 54-mal, was für seine Wichtigkeit spricht.

Hypo-tasso kommt von tasso („jemand an seinen Platz stellen“). Im militärischen Bereich bedeutet tasso: „In Schlachtordnung aufstellen“ oder auch „anordnen“, „befehlen“. Durch die Vorsilbe hypo („unter“) wird der Gedanke der Unterordnung verstärkt. Hypotasso bedeutet dann in der Militärsprache „Truppendivisionen unter die Leitung eines Kommandanten stellen“.

Im Neuen Testament tritt hypotasso in drei Formen auf:

Aktiv: In dieser Form bedeutet es „jemand in Unterordnung bringen“, d.h. jemand unterwerfen. Eph 1,22: „Und alles hat er seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben.“ Phil 3,21: „... nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen.

In der Passiv-Form bedeutet das Verb: „jemand unterworfen werden“. Röm 8,20: „Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden.“

Im Griechischen gibt es noch eine dritte Form, das Medium. Hier bedeutet hypotasso: „sich unter jemand einordnen“, „sich unterwerfen“, „sich fügen“. Das ist für uns die interessanteste Form, denn sie hat einen Aspekt der Freiwilligkeit. Lk 2,51: „Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan.“

Aber wie dem auch sei, Gott erwartet, dass wir uns unterordnen. Im Neuen Testament wird das unmißverständlich gesagt. Allerdings ist das immer mit dem Aspekt der Freiwilligkeit verbunden. Niemals wird einem Menschen befohlen, dass er einen anderen unterwerfen soll, im Gegenteil: Er soll sich selbst unterwerfen!

Wenn allein siebenmal im Neuen Testament steht, dass die Frauen sich ihren Männern unterwerfen sollen (1Kor 14,34; Eph 5,22.24; Kol 3,18; Tit 2,5; 1Petrus 3,1.5) so bedeutet das kein einziges Mal, dass die Männer Unterwürfigkeit fordern dürften. Die Frau soll es von sich aus tun. Auch Christus hat sich nicht die Gemeinde unterworfen, sondern die Gemeinde unterwirft sich freiwillig und gern ihrem Haupt, Christus.

Viermal steht der Begriff von der freiwilligen Unterordnung im Zusammenhang mit der Obrigkeit (Röm 13,1.5; Tit 3,1; 1Petrus 2,13), dreimal im Zusammenhang mit der Gemeinde (1Kor 16,16; 1Petr 5,5; Eph 5,21), zweimal im Zusammenhang mit dem Arbeitgeber (Tit 2,9; 1Petrus 2,18) und einmal im Zusammenhang mit Gott (Jak 4,7). Das ist der Ausgangspunkt für unsere Überlegungen.

Bei allem wollen wir nie die Intention der Heiligen Schrift aus dem Auge verlieren, denn allzu leicht geraten wir in den Sog des Zeitgeistes und versuchen unsere Rebellion und Opposition mit Hilfe der Schrift zu rechtfertigen. Dann macht man Ausnahmen zur Norm, verwirklicht sich selbst und spült den erklärten Willen Gottes mit frommem Wortschwall fort.

Dass ich mich Gott unterwerfe, hat höchste Priorität. Ihm will ich in erster Linie gehorchen, nach seinen Maßstäben will ich leben und ihm niemals Widerstand entgegen setzen. Gott hat mich geschaffen und erlöst. Er will in jeder Hinsicht das Beste für mich. Es wäre mehr als Dummheit, sich dem zu widersetzen und: Wer diese oberste Priorität nicht anerkennt, hat kein legitimes Recht irgendeine menschliche Instanz infrage zu stellen.


Den staatlichen Gewalten will ich mich unterordnen, denn sie stehen im Dienst Gottes (Röm 13,1-7; Tit 3,1; 1Petrus 2,13). Das bedeutet für mich selbstverständlich, dass ich die entsprechenden Gesetze achte, dass ich Steuern und Zoll zahle, dass ich den staatlichen Organen den nötigen Respekt zolle, dass ich Gehorsam leiste und zu jedem guten Werk bereit bin. Es bedeutet für mich außerdem, dass ich täglich für die Staatsbeamten, die ich kenne, bete.
Ich will mich in die von Gott gegebenen Strukturen der Familie einordnen. Für Männer bedeutet das, ihre Frauen so hingebungsvoll zu lieben, wie Christus die Gemeinde liebt. Für Frauen bedeutet es, sich ihren Männern so unterzuordnen, wie sie das dem HERRN gegenüber tun (Eph 5,22-33). Für Eltern bedeutet das, ihre Kinder dem Wesen des HERRN gemäß zu erziehen, dass sie nicht widerspenstig werden (Eph 6,4) und für Kinder bedeutet das Gehorsam und Ehrerbietung den Eltern gegenüber (Eph 6,1-3).

In der Gemeinde will ich mich denen unterordnen, denen Gott eine Aufgabe übertragen hat (1Kor 16,16; 1Thess 5,12-13). Ich will das so tun, wie es die Ehrfurcht vor Christus verlangt und die anderen in geistlicher Demut höher achten, als mich selbst. Ich erkenne an, dass Älteste mir „etwas zu sagen“ haben.

In meinem Beruf will ich mich den Vorgesetzten unterordnen. Ich will ein zuverlässiger Mitarbeiter sein, der Weisungen akzeptiert, nichts unterschlägt und auch launische und verdrehte Vorgesetzte nicht von ihrem Platz verdrängt.
Wenn die von Gott gewollten Autoritäten ihre Stellung nicht missbrauchen, muss Unterordnung eigentlich keine Probleme machen, sonst hätte Gott sie in den genannten Fällen nicht von uns verlangt.

(Die Aufzählung beansprucht allerdings keine Vollständigkeit; sie orientiert sich nur an den Vorkommen des oben genannten Begriffs und den in diesem Zusammenhang erwähnten Schriftstellen.) Doch wir leben in einer sündigen, vom Bösen beherrschten Welt und kommen dadurch immer wieder in Konflikte. Deshalb gilt:

Dem Teufel will ich in jeder Hinsicht Widerstand entgegen setzen (Jak 4,7; 1Petrus 5,9; Eph 6,13). Hier darf es keinerlei Unterordnung geben. Ich will mich nie für seinen Willen gefangen nehmen lassen. Er wird natürlich versuchen, mich vom Willen Gottes wegzubringen. Er wird mich belügen und Gottes Gebote anzweifeln, er wird versuchen mich einzuschüchtern und zu manipulieren. Er ködert mich mit attraktiven Versprechen, lustvollen Begierden, modernen Schlagworten. Doch seine Gedanken sind mir nicht unbekannt (2Kor 2,11). Deshalb will ich wach und nüchtern sein.

Widerstand gegen eine menschliche Autorität ist nur erlaubt, wenn sie von mir verlangt, ein klares Gebot des HERRN zu übertreten (Apg 4,19; 5,29). Ich will mir aber bewusst sein, dass Widerstand gegen eine von Gott eingesetzte Autorität das äußerste Mittel ist, das niemals leichtfertig gebraucht werden darf. Keinesfalls kann ich meinen Eigenwillen damit rechtfertigen, daß ich behaupte, Gott mehr gehorchen zu müssen als den Menschen.

Widerstand gegen eine menschliche Autorität darf nie in Form von Sünde geschehen. Gottes Wort erlaubt mir auch für einen „guten“ Zweck nicht, zu sündigen. Es mag Fälle geben, wo ich nur noch zwischen einem größeren und einem kleineren Übel wählen kann. Doch das sind extreme Ausnahmen, von denen ich keine Regeln für meinen Alltag ableiten kann.


Widerstand gegen eine menschliche Autorität darf nicht im Geist der Rebellion geschehen (Röm 12, 17-18; 13,7). Ich will die Person, der ich Achtung schulde, nicht verletzen. Ich will auch im Fall des Widerstands höflich bleiben (Dan 1,8; 2,16). Wenn ich die Möglichkeit habe, eine Alternative zu wählen, dann entscheide ich mich dafür, auch wenn sie mir ein (großes) Opfer abverlangt.

Widerstand gegen eine menschliche Autorität muss in geistlicher Weise geschehen (1Tim 2,1-2; Röm 12,14). Zunächst werde ich Gott bitten, mir einen Ausweg zu zeigen dass ich nicht sündigen muss, oder ich bitte ihn, dass er die Situation ändert, dass er die Autorität umstimmt, dass er mir Weisheit gibt, wenn ich mich in irgendeiner Weise äußern muss.

Dies sind nur grobe Orientierungspunkte die nicht als Verhaltenskodex mißverstanden werden dürfen. Sie sollen aber das Ziel zeigen, auf das wir in der Gesinnung des HERRN und in der Kraft seines Geistes zugehen wollen.

Genutzte Definitionen:

Demut