Haslebacher, Christian.Yes, she can. Die Rolle der Frau in der Gemeinde. Ein bibelfestes Plädoyer. Basel: fontis-Brunnen-Verlag. 287 S. Paperback: 12,99 €. ISBN: 978-3-03848-086-0

1Tim 2,12: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still“ (Luther 2017). Der Verlag behauptet im Klappentext, dass gerade darin die Treue zur Bibel bestehe, dass eine Frau in der Gemeinde lehren kann und soll.

 

Das vorliegende Buch gründet sich auf die Masterarbeit des Verfassers, die von Prof. Christoph Stenschke, Mitarbeiter im Forum Wiedenest, betreut wurde. Die 46 Seiten im Anhang, die das Literaturverzeichnis und einen Endnotenteil beinhalten, zeugen noch davon. Aber die Frage bleibt, wie man es anstellen kann, eine klare biblische Aussage, die viele Jahrhunderte in allen Kirchen Gültigkeit hatte, so umzudrehen, dass auf einmal das Gegenteil herauskommt. Dabei erhebt der Verfasser den Anspruch, zum evangelikalen Teil des Christentums zu gehören. Studiert hat er am theologischen Seminar St. Chrischona und gehört inzwischen zur Leitung des Vereins der Chrischona-Gemeinden in der Schweiz.

Haslebacher teilt die theologische Diskussion in zwei Positionen: einerseits die konservative oder traditionelle, andererseits die liberale oder feministische. Er möchte diese Begriffe aber nicht verwenden, sondern schlägt stattdessen die Begriffe „historische“ und „progressive“ Position vor (S. 9). Damit stigmatisiert er allerdings die erstere Position als der Vergangenheit angehörig. Seine dagegen betrachtet er als die fortschrittliche. Man fragt sich nur, in welchem Sinn. Jedenfalls meint der Verfasser in seinem Buch beweisen zu können, dass 1Tim 2,12 nicht allgemein verbindlich ist und Frauen „deshalb nicht allgemein vom pastoralen oder gemeindeleitenden Dienst ausgeschlossen“ seien (S. 10). Dabei will er auch klären, was aus der Bibel heute noch gilt (S. 12). Die von ihm vertretene Position hält der Autor für die bibeltreueste, die dem Gesamtzeugnis der Bibel am ehesten gerecht wird (S. 11).

Bemerkenswert ist aber schon, wie der Autor folgendes Zitat von Prof. Helge Stadelmann aus „Bibel und Gemeinde“ wertet:

Das Muster ist immer wieder dieses: Zuerst entfernt sich die öffentliche Meinung von biblischen Positionen; dann ziehen liberale Theologen nach, indem sie Sachkritik an den scheinbar nicht zeitgemäßen Schriftaussagen üben; und schließlich kommen auch die Frommen im Gleichschritt mit den anderen, indem sie die widerständigen Bibelworte umdeuten oder als zeitgebunden erklären.

Haslebacher argumentiert gegen Stadelmann, dass die Jahrtausende dauernde Vorrangstellung der Männer es den Exegeten eben auch verwehrt habe, ihre Ansichten durch die Bibeltexte korrigieren zu lassen, woraus ein voreingenommenes, unsachgemäßes Verständnis der Bibeltexte hervorgegangen sei (S. 10f).

 

Den Eindruck, den der Rezensent von Haslebachers Veröffentlichung gewonnen hat, ist zwiespältig. Einerseits findet man natürlich richtige Erkenntnisse und Beobachtungen, andererseits aber eine massive Polemik – irgendwie unter Niveau – wie schon im vorigen Absatz deutlich wurde. Bei der Deutung des Vollkommenen in 1Kor 13,10 auf die Vollendung des Neuen Testaments polemisiert er:

„In ähnlicher Weise kann die Aussage von Johannes dem Täufer, er müsse abnehmen (Joh 3,30), nicht als Begründung für Gewichtskontrolle herangezogen werden, da dies bei der Aussage nicht im Geringsten im Blick war“ (S. 38).

Das zielt auf einen billigen Lacher bei gewissen Lesern und ist eine Verächtlichmachung von evangelikalen Exegeten, die begründet anders denken. Und das, obwohl der Autor am Anfang seines Buches schreibt, dass nicht der Arroganz oder Besserwisserei gefrönt werden soll (S. 11). Aber genau das tut er. Oder wie soll man das folgende Argument verstehen?

„Wenn Frauen deshalb vom Dienst der Gemeindeleitung ausgeschlossen sind, weil die zwölf Apostel Männer waren, fragt man sich jedoch, warum nicht auch Nichtjuden von diesem Dienst ausgeschlossen sind, weil die zwölf Apostel allesamt Juden waren.“ (S. 74)[ 1 ]Kursivtexte innerhalb von Zitaten entsprechen dem Original.

Manchmal übernimmt der Autor ein Zitat, was er in der nächsten Übersicht als Tatsache präsentiert wie zum Beispiel dieses:

„Offenbar war die alte Kirche nicht an einer künstlich vereinheitlichten Darstellung ihres Glaubens interessiert.“ (S. 22)

„Fazit: Es wird festgestellt: dass die Alte Kirche nicht an einer künstlich vereinheitlichten Darstellung ihres Glaubens interessiert war.“ (S. 25)

Auch die nächste Aussage dieses Fazits auf S. 25 beruht auf einer Behauptung, wird aber als Tatsache ausgegeben:

„Es wird festgestellt, dass manche Aussagen des Neuen Testaments in Spannung zueinanderstehen.“

Begründet wurde das mit praktischen Anweisungen aus dem Neuen Testament, die das Essen von Götzenopferfleisch verbieten, es andererseits aber grundsätzlich erlauben würden, oder dass Witwen von der Heirat abgeraten beziehungsweise ihnen Heirat nahegelegt würde (S.23). In beiden Fällen macht der Zusammenhang der verschiedenen Bibeltexte schnell klar, dass dies keineswegs Widersprüche sind, sondern ganz unterschiedliche Situationen betreffen. Aber der normale Leser soll dies offenbar für Widersprüche halten, denn er prüft diese Dinge ja gewöhnlich nicht nach, sondern nimmt sie als gegeben hin.

Häufig äußert der Autor auch selbst Vermutungen, die er aber wenig später als Tatsachen präsentiert. So ist es zum Beispiel bei dem Begriff des Diakons. Haslebacher deutet an, dass außerbiblische Quellen bei „Diakon“ einen Zusammenhang mit Nachrichtenübermittlung nahelegen würden. Für die biblische Formulierung, dass Diakone das „Geheimnis des Glaubens“ bewahren sollen, vermutet der Autor „eine gemeindeleitende und -lehrende Tätigkeit der Diakone“ (S. 86f). Wenn er allerdings das „reine Gewissen“, in dem das Geheimnis des Glaubens bewahrt werden soll, nicht weggelassen hätte, wäre schon ein anderer Sinn herausgekommen. Aber aus all dem wird dann bei Phöbe, der vermuteten Überbringerin des Römerbriefes (die von Paulus auch als „Diakon“ bezeichnet wird), mit Gewissheit eine Erklärerin dieses Briefes vor der römischen Gemeinde. Das verstärkt Haslebacher mit der Bemerkung, dass ihre „Erklärungsautorität weit über heutige Lehrer und Prediger hinausging, da sie Paulus, seine Überzeugungen und seine Ausdrucksweise aus erster Hand kannte“ (S. 88). Übrigens betont er die lehrende Funktion der Phöbe im Buch immer wieder, wenigstens drei oder viermal. Irgendwann glaubt es der Leser vielleicht.

Für den Rezensenten war es aber vor allem wichtig zu erkennen, von welchen Ausgangspunkten der Autor zu seinen Behauptungen kommt und wie er überhaupt über die Heilige Schrift denkt.

Haslebacher will die einzelnen Schriften zunächst für sich selbst sprechen zu lassen. Das gelte besonders für den Schöpfungs- und Sündenfallbericht, die man nicht gleich im Kontext von 1. Timotheus 2 interpretieren darf. Das leuchtet einerseits ein, andererseits aber negiert das gerade die Aussagen des Apostels als verbindlich-christliche Interpretationen des Alten Testaments und stellt die Inspiration des Neuen Testaments in Frage.

Für die Schöpfungsaussagen lässt der Verfasser nur seine eigene Interpretation gelten (die man durchaus hinterfragen kann) und verwendet diese ständig gegen die Argumentation des Paulus. Damit stellt er praktisch dessen Schriftbeweis in Frage. Einige Beispiele dazu:

„In der Zusage an Abraham geht es gemäß Paulus also um Rechtfertigung, nicht Segen, was diesen Schriftbeweis auf Grund seines deutenden Charakters anfechtbar macht.“ (S. 118)

„Paulus interpretiert 1. Mose 2,7 demnach negativer, als dies im ursprünglichen Schöpfungskontext zu verstehen ist und nimmt somit wenigstens im Ansatz eine Umdeutung vor.“ (S. 123)

Paulus unterschlägt in 1Kor 11 „die Tatsache, dass auch die Frau Ebenbild Gottes ist … er wendet die Schrift selektiv zur Unterstützung seiner gegenwärtigen Argumentation an.“ (S.137)

Paulus nimmt also Bezug auf das Alte Testament, aber ergänzt beziehungsweise verändert die Aussage substanziell, um den Text auf seine Situation anwenden zu können. (S. 143)

Haslebacher gesteht zwar zu, dass Paulus so argumentieren darf, wie es im Frühjudentum üblich war, hält diese aber zumindest nach heutiger westlicher Logik für problematisch (S. 138). Das heißt, solch eine Ergänzung zum alttestamentlichen Text kann „zwar grundsätzlich richtig sein, aber aus dem Text nicht belegt werden und entzieht sich somit jeglicher logischen Überprüfbarkeit“ (S. 143). Letztlich ist diese logische Überprüfbarkeit Haslebachers Hauptargument, mit dem er die neutestamentlichen Aussagen relativiert. Weil die Logik des Paulus „nach heutiger westlicher Logik nicht zwingend“ ist (S. 116), können wir seine Aussagen über Mann und Frau in der Gemeinde zwar für ihn und seine Zeit akzeptieren, müssen sie aber für uns nicht als verbindliches Gotteswort ansehen.

 

Übrigens erklärt der Autor, dass die patriarchalische Gesellschaft dafür verantwortlich gewesen sei, dass das Priesteramt in der Bibel nur Männern vorbehalten war. Auch von Gott wird – wie der Autor bemerkt – „in den allermeisten Fällen“ in männlicher Bildsprache gesprochen. Die beiden Ausnahmen, die er anführt, überzeugen allerdings nicht (Jes 66,10-13; Ps 131,2). Aber er fährt fort:

„Eine patriarchalische Gesellschaft mit einem überwiegend männlichen Gottesbild bedarf demnach auch männlicher Priester als Repräsentanten Gottes.“ (S. 64f)

Selbst die Evangelien-Berichte lassen eine „tendenzielle Minderbewertung der Frauen“ vermuten.

„Das wird klar deutlich trotz möglicher Einseitigkeiten dieser Berichte, welche von Männern in einer patriarchalischen Gesellschaft verfasst wurden.“ (S. 68)

Und weil an keiner Stelle des Neuen Testaments zur Revolution „gegen missliche gesellschaftliche Strukturen aufgerufen“ wird, „auch nicht gegen die Unterdrückung der Frau“, folgert Haslebacher, dass diese Strukturen nicht dem Willen Gottes entsprechen (S. 196).

Die patriarchalische Gesellschaft scheint für den Autor überhaupt etwas Böses zu sein, denn sie ermutige nicht zu einer Revolution (als ob Revolution etwas Gutes sei), sie führe zur Unterdrückung der Frau (es war nicht etwa die Sünde solcher Männer, die sich nicht um Gottes Ordnungen scherten), und sie veranlasste die biblischen Autoren von Gott in männlicher Form zu sprechen (es war nicht etwa Gottes Offenbarung). Der Rezensent möchte nicht hoffen, dass die feministische „Bibel in selbst-[ 2 ]Durch den Rezensenten hinzugefügt.gerechter Sprache“ das sei, was der Autor sich wünscht.

 

In seinem letzten Kapitel beschreibt Haslebacher zu vermeidende Denkfehler. Im ersten Abschnitt betont er durchaus die Unterschiede zwischen den Geschlechtern innerhalb ihrer Einheit als Menschen und meint Gleichbehandlung sei ja nicht Gleichmachung. Das bedeutet aber für ihn, dass Frauen trotz 1Tim 2,12-14 zum gemeindeleitenden und gemeindelehrenden Dienst zugelassen sind. Beide Geschlechter würden sich eben auch in Gemeindeleitung und Lehre ergänzen.

Zweitens behauptet er, dass man mit einer zu engen Position noch nicht auf der sicheren Seite ist. Das versucht er mit einer sechsseitigen(!) Beschreibung eines Logik-Experiments mit Zahlenreihen(!) plausibel zu machen, was in diesem Zusammenhang wenig einleuchtet und außerdem recht oberlehrerhaft wirkt. Aber genau das vergleicht der Verfasser dann mit angeblichen Denkfehlern bei den Vertretern der historischen Position und behauptet, dass diese ihre Beobachtungen über Männer und Frauen in der Bibel aufgrund falscher Kriterien interpretieren und deshalb eine zu enge Regel formulieren.

Drittens liest er bei Vertretern der historischen Position heraus, dass diese die geistliche Führungs- und Lehrverantwortung bei Frauen einschränken wollten, damit die Männer sich nicht passiv zurücklehnen könnten. Das ist jedoch völliger Unsinn und eine ziemlich böswillige Fehlinterpretation einer Auslegung der Geschichte vom Sündenfall. Das Gegenteil ist richtig, dass nämlich Männer und Frauen genau die Verantwortung wahrnehmen sollen, die Gott ihnen auferlegt hat.

 

Was die Bibel betrifft, spricht der Autor zwar von Inspiration, bezeichnet das Neue Testament aber nicht als Gottes Offenbarung, sondern nur als Zeugnis von Gottes Offenbarung (S. 22). Von Unfehlbarkeit der Schrift ist demzufolge an keiner einzigen Stelle die Rede. Dass man von einem göttlichen Urheber hinter den menschlichen Autoren der biblischen Texte ausgehen kann, erscheint in der Arbeit Haslebachers bestenfalls als Vermutung (S. 196).

Ziemlich erschrocken war der Rezensent, als er schon auf S. 55 Folgendes lesen musste:

Die Hochschätzung der Frau im Alten Testament wird jedoch beeinträchtigt durch Gesetzesbestimmungen, die der Frau die Gleichheit verweigern: Rechtlich gilt der Mann als Besitzer der Frau und die Frau als sein Besitz (5Mo 22,22). Die zehn Gebote reihen die Frau zusammen mit seinem Haus … unter die Besitztümer des Mannes ein (2Mo 20,17; 5Mo 5,21).

Bereits einige Seiten zuvor hatte der Autor geschrieben, dass die Gesetzesbestimmungen Israels der Schöpfungsordnung gemäß 1. Mose 1-2 widersprechen würden (S. 51). Glaubt er also, dass Israel die Gesetze erfunden hätte, obwohl die Bibel doch ausführlich berichtet und unmissverständlich klarstellt, dass Gott dem Volk Israel die zehn Gebote als Grundgesetz gegeben hatte. Sollte Gott sich zwischen dem, was er im Schöpfungsbericht aufschreiben ließ, und den zehn Geboten widersprochen haben? Oder glaubt der Autor gar nicht, dass die ersten Kapitel der Bibel Gottes Wort sind, denn er schreibt ja später nur von einer „Eva-Tradition“ und einer „Eva-Erzählung“ (S.193f).

 

Leider wird in der ganzen Arbeit nicht deutlich, was für den Autor nun Gottes Wort ist und was nicht. Verbindlich scheint für ihn nur das zu sein, was seiner eigenen Logik entspricht. Der normale Bibelleser muss ihm das glauben und wird dadurch ebenfalls unsicher, was für ihn nun verbindliches Bibelwort bleibt. Andere werden sich vielleicht freuen, dass sie einige lästige biblische Aussagen los sind, die gar nicht mehr in die Zeit zu passen scheinen.

Helge Stadelmann hat offenbar doch Recht gehabt mit seiner oben zitierten Bemerkung, dass der Zeitgeist nicht nur bei den Liberalen, sondern auch bei den Evangelikalen eine immer größere Rolle in ihrem Bibel- und Gemeindeverständnis spielt, das aber vorläufig noch mit vielen frommen Vokabeln vertuscht wird.

Das Buch kann in keiner Hinsicht empfohlen werden.

 

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