Es war im Mai 1977 als die Gruppe ehemaliger Bibelschüler und Studenten sich das erste Mal traf. Schon öfter hatten einzelne von ihnen miteinander überlegt:

Es müsste eine Möglichkeit geben, theologisch weiterzuarbeiten und unbefangen über alle möglichen Fragen nachzudenken, die sich im Zusammenhang mit unserer Mitarbeit in den Gemeinden stellen. Es dürfte dabei keine Denkverbote geben. Die einzige Bedingung sollte das absolute Vertrauen in die Inspiration und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift sein.

Zu den Gründungsmitgliedern gehörten unter anderen Manfred Schäller, einer der Lehrer der Bibelschule Burgstädt, außerdem Richard Bergmann, der spätere Vorsitzende des Bibelbundes Deutschland, der auch für den Zusammenhalt der Gruppe sorgte, Brigitte Prawitz, eine Theologie-Studentin aus Berlin, und der spätere Schriftleiter des Bibelbundes Karl-Heinz Vanheiden.
Schon bald war eine geeignete Arbeitsweise gefunden. Die Teilnehmer schlugen Themen vor, von denen sich möglichst jeder eins aussuchen sollte. Dazu gehörte auch die Vorstellung wichtiger theologischer Bücher. Für die nächsten Treffen wurde dann immer ein Referent mit seinem Thema bestimmt. Die Gruppe traf sich bis zu fünf Mal im Jahr und jedes Mal an einem anderen Ort im Wohnzimmer eines der Beteiligten. Von daher war auch die Gruppengröße beschränkt.
Referate aus der Anfangszeit waren zum Beispiel: „Mystik“ (R. Bergmann), „Einführung in die Taufproblematik“ (M. Schäller), „Offenbarung und Heilige Schrift“ (KH. Vanheiden), „Luthers Zwei-Reiche-Lehre“ (B. Prawitz), „Die Poesie des Alten Testaments“ (Andreas Ebert).
Ab und zu waren auch Gäste eingeladen, zum Beispiel Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Daniel Herm, der Leiter der Bibelschule Wiedenest, oder auch Prof. Dr. Hartmut Ising aus Berlin.
Die anschließende freundschaftliche Diskussion über das jeweilige Referat war uns sehr wichtig. Es durften alle Fragen gestellt werden und es wurde freimütig gesprochen. Keiner musste Sorge wegen zu offener Meinungsäußerung haben. Ein weiterer wichtiger Teil des Treffens war der Informationsaustausch wozu auch Informationen über Ereignisse im christlichen Bereich Ost und vor allem West gehörten. In diesem Zusammenhang stellte jemand die Zeitschrift „Bibel und Gemeinde“ vor, von der einige Exemplare in die DDR gelangt waren. Wir fanden, dass die Aufsätze in dieser Zeitschrift ziemlich genau unserem Anliegen entsprachen.
Bald gaben wir uns einen Namen, der auch das Anliegen ausdrücken sollte. Wir einigten uns auf „Arbeitskreis Biblische Theologie“, abgekürzt ABT. Im Lauf der Jahre veränderte sich der Teilnehmer-Kreis. Einige sprangen ab, andere kamen hinzu. Einmal musste auch jemand ausgeschlossen werden, weil er die Grundlage, nämlich die absolute Bibeltreue, nicht mehr uneingeschränkt bejahen konnte. Aber der „Abt“ existiert nach seinem 140. Treffen immer noch.
Schon in den ersten Jahren überlegten wir, wie wir die guten Ergebnisse unserer Arbeit einem größeren Kreis zugänglich machen könnten. Sollten wir zu besonderen Konferenzen einladen? Das war schwierig ohne die Einflussnahme offizieller gemeindlicher Gremien. Schließlich kamen wir auf den Gedanken, eine Art Infobrief herauszugeben. Das würde auch eine Hilfestellung für Mitarbeiter in den Gemeinden sein – für den Predigtdienst, aber auch im Bereich Kinder- und Jugendarbeit.
Wir versuchten von Anfang an, die Arbeit auf breitere Schultern zu stellen. So nahmen wir Kontakt zu Hartmut Zopf auf. Er war der Verantwortliche für die Studentenarbeit innerhalb der Landeskirchlichen Gemeinschaften in der DDR. Unser Anliegen teilte er gern und schlug uns auch den Titel vor: „Biblisch Glauben, Denken, Leben“. Leider konnte er sich aus kräftemäßigen Gründen nicht direkt an der Arbeit beteiligen.


So erschien der Infobrief „Biblisch Glauben, Denken, Leben“ unter der Schirmherrschaft der Jugendarbeit der Brüder-Gemeinden, die Karl-Heinz Vanheiden verantwortete. Es war eine Vervielfältigung „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch!“ Die Blätter mussten in jedem Fall für eine eventuelle Kontrolle registriert sein (die Gott sei Dank niemals stattfand). Die von mir erfundene Nummer für den Informationsbrief Nr. 2 lautete zum Beispiel: JAVh 103/2.87300. Das bedeutete „Jugendarbeit Vanheiden“, 103. Vervielfältigung vom Februar 1987 in der Auflage von 300 Stück. Der erste Infobrief erschien im Dezember 1986 in einer Auflage von 250 Stück. Der sechste vom März 1989 hatte schon eine Auflage von 1000 Exemplaren. Der Umfang variierte von 10-14 Seiten pro Exemplar.
Wir schrieben eigene Aufsätze, nutzten aber solche der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“ und natürlich vom Bibelbund, und druckten sie ab. Die Frage nach dem Copyright wurde von uns allen großzügig übersehen. Dann aber musste der Infobrief hergestellt werden.
Einige Glaubensgeschwister aus „dem Westen“ besaßen ein weites Herz für unsere Arbeit. Ein Bruder aus Franken hatte nicht nur Literatur für uns organisiert und dafür gesorgt, dass sie auch bei uns ankam, sondern er kümmerte sich auch darum, dass wir eigene Schriften herstellen konnten. So besorgte er uns zwei Typenrad-Schreibmaschinen, die immerhin schon eine ganze DIN-A4-Seite elektronisch abspeichern konnten. Auf dem Display waren jeweils zwei Zeilen sichtbar, die sich auch korrigieren ließen. So konnte man immer eine Seite eintippen, korrigieren und dann auf der Matrize nahezu fehlerfrei ausdrucken lassen.
Unsere Vervielfältigungsmöglichkeiten waren allerdings sehr begrenzt. Es gab nur das Spirit-Umdruck-Verfahren, Ormic genannt, mit dem man maximal 100 Exemplare herstellen konnte oder das Wachsmatrizen-Verfahren zusammen mit einem altertümlichen handgetriebenen Vervielfältigungsapparat. Damit hatten wahrscheinlich schon die Kommunisten ihre Flugblätter gedruckt. Eine kleine Offset-Maschine, die nach diesem Prinzip funktionierte, war zusammen mit einem A3-Kopierer irgendwie in die DDR gelangt. Schließlich stand sie bei Peter Jahn im Erzgebirge, der es schaffte, sie in Gang zu bringen und halbwegs brauchbare Abzüge herzustellen.
Sein Vater trug die Blätter zusammen, verpackte und verschickte die Infobriefe. Versandt wurden sie meist päckchenweise per Post an Gruppen von Gläubigen, aber auch an Einzelpersonen und bald schon über die Brüder-Gemeinden hinaus.
Vom 4. Infobrief an (1988) konnte Peter Jahn einen sogenannten Risograph benutzen, mit dem die Druckqualität wesentlich verbessert wurde. Die Maschine war von dem Bruder aus Franken organisiert und zusammen mit einem LKW voll Papier und mit Hilfe einer Genehmigung über das diakonische Werk zu uns gebracht worden. Finanziell wurde die Arbeit übrigens von einigen Missionswerken aus der Bundesrepublik und den Niederlanden unterstützt. Der Bruder fand später allerdings in seiner Stasi-Akte: „Kontakt zu negativen kirchlichen Kräften in DDR“ – Erfassungsdatum: 19.11.1986.
Ende der 80er Jahre war das politische Klima in der DDR schon etwas offener. Auch aus der Bundesrepublik kamen weitere Signale, uns in unserer Arbeit zu unterstützen, sogar mit Computern. So kam es, dass ein Unternehmer aus Hessen auf dem Postweg drei Laptops an die drei Verantwortlichen für den Infobrief schickte (und noch an einige andere). Es waren Toshibas ohne Festplatte mit einem internen und einem externen Laufwerk. Sich in der DDR Personal-Computer zu beschaffen, war nahezu unmöglich.


Das ging allerdings nicht ohne Komplikationen. Der Computer, den ich bekommen sollte, wurde im Postzollamt Rostock gestoppt. Ich wurde davon benachrichtigt und reagierte ziemlich wütend dem entsprechenden Beamten gegenüber. Wir wohnten damals in Mecklenburg und ich erklärte, dass in Sachsen die Computer ohne weiteres eingeführt werden durften. Für mich war überhaupt nicht einzusehen, warum das Zollamt diesen nicht weiterleiten wollte. Weil sich der Beamte nicht erweichen ließ, verlangte ich, dass der Computer an den Absender zurückgeschickt wurde. Ich bat den hessischen Bruder dann, den PC an eine Adresse in Sachsen zu schicken. Dort kam er auch an, aber nicht ohne dass die Beamten vom Zoll damit herumgespielt hatten, ihn nicht wieder ausschalteten, sodass zunächst gar nichts ging. Außerdem klapperte etwas in dem Laptop wenn man ihn bewegte. Glücklicherweise konnten wir den Schaden selbst behaben. Und so entstanden von diesem Zeitpunkt an die Aufsätze auf elektronischer Basis. Sie mussten nur auf eine Diskette kopiert und dem verantwortlichen Redakteur zugeschickt werden, der dann den Ausdruck mit seiner langsamen speicherfähigen Typenrad-Schreimaschine bewältigen konnte. Aber bald kamen die entsprechenden Nadeldrucker …
Natürlich hatte auch die Adress-Verwaltung mit den Computern sofort eine neue Qualität erreicht.
Im Jahr 1990 gründete sich der Bibelbund Ost, der sich aus den Mitgliedern des „Abt“ und weiteren Interessenten zusammensetzte. Kurz darauf, im Jahr 1992, schloss er sich mit dem Bibelbund Deutschland zusammen.
Das Anliegen unserer Zeitschrift „Biblisch Glauben, Denken, Leben“ hat sich bis heute nicht verändert. Es geht uns immer noch um die Bibelfrage, aber auch um Auseinandersetzung mit bibelfremden Strömungen innerhalb der Christenheit. Ob die Stasi damals schon einige dieser Briefe aufgegriffen und kontrolliert hat, wissen wir nicht. Gott hat darüber gewacht und wir sind ihm dankbar, dass wir ihm bis heute dienen dürfen.

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