Das Ziel jeder Übersetzung ist, dass ein Hörer oder Leser einen Satz versteht, der in einer ihm fremder Sprache gesprochenen oder geschriebenen wurde.

Auch Gottes Wort ist grundsätzlich dazu gegeben, dass es von den Menschen, die es hören oder lesen verstanden wird. Das meint zunächst das äußere Verstehen, aber auch das innere, glaubende Verstehen, das durch den Heiligen Geist geschenkt wird.

1. Was die Bibel selber sagt

  • Als Mose dem Volk Israel das Wort Gottes vorlas, erklärte es: „Alles, was Jahwe gesagt hat, wollen wir gehorsam tun.“ (2Mo 24,7) Das setzt natürlich voraus, dass sie verstanden hatten, was Gott von ihnen wollte.
  • Der Prophet Habakuk bekam den Auftrag, die Offenbarung so niederzuschreiben, dass man sie „geläufig lesen kann“ (Hab 2,2).
  • Ein König sollte jeden Tag im Gesetzbuch Jahwes lesen (5Mo 17,19). Das setzt voraus, dass er das konnte.
  • König Joschija verstand auf Anhieb was Gott von ihm wollte (2Kö 22,11.16). Und er gehorchte Gott.
  • Auch König Jojakim verstand sofort, was ihm aus der Schriftrolle Jeremias vorgelesen wurde, allerdings war er nicht bereit, darauf zu hören, sondern vernichtete die Schriftrolle. (Jeremia 36).
  • Am deutlichsten steht es im Gleichnis vom Sämann, das Jesus seinen Jüngern selbst erklärte. Nur wer das Wort Gottes versteht, kann auch Frucht bringen (Mt 13,23). Alles andere ist in den Wind geredet (1Kor 14,9) und wird vom Bösen weggenommen (Mt 13,19).

Erkenntnis 6: Gott hat sein Wort immer in einer Art und Weise offenbart, die die Menschen verstehen konnten.

Erkenntnis 7: Jede Weitergabe des Wortes in einer Übersetzung muss den Menschen, für die es gedacht ist, verständlich sein, sonst kann es nichts bewirken.

2. Das Beispiel der Guajajara

Folgendes Beispiel, das ich von Frau Irene Menzel[ 1 ]E-Mail-Adresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Der nachfolgende Text stammt aus einer E-Mail, den ich aber mit Erlaubnis der Autorin leicht gekürzt für meinen Aufsatz verwenden darf. erhalten habe macht sehr schön deutlich, wie wichtig eine nichtwörtliche aber sinngenaue Übersetzung für ihre evangelistische Funktion ist:

Seit 1971 habe ich im Nordosten von Brasilien für 40 Jahre als Missionarin bei den Guajajara Indianern gearbeitet. In dieser Zeit konnte ich aus nächster Nähe die Übersetzung der Bibel beobachten, zumal der Linguist von Wycliffe nur etwa ein Jahr früher in der Region mit seiner Arbeit begonnen hatte. Alles steckte also noch in den Anfängen.

Obwohl die Guajajaras schon sehr lange Kontakt mit der Zivilisation hatten und zu einem geringen Teil auch mehr oder weniger gut Portugiesisch sprachen, war es doch von grosser Wichtigkeit, dass sie das Wort Gottes in ihrer Muttersprache bekamen. Die Indianer litten ohnehin darunter, von ihrer Umgebung als Menschen 2. Klasse angesehen zu werden. „Das Christentum ist doch nur etwas für die Weißen. Es ist eine fremde Religion, die für Indianer bedeutungslos ist“, so warnen manche Anthropologen heute noch. Sollten die Guajajaras nicht erfahren, dass sie für den lebendigen Gott wichtig sind und dass er sogar ihre Sprache spricht? Auf jeden Fall!

Die Übergabefeier der kompletten Guajajara Bibel im Oktober 2007 wird mir unvergesslich bleiben. Ein Indianer-Mitarbeiter sagte während der Feier:

„Manche Guajajaras haben kein Interesse an der Bibel weil sie meinen, sie sei ein Buch der Weißen. Aber ich möchte euch sagen: Dies Buch ist nicht das Buch der Weißen – es ist das Buch GOTTES! Für uns!“

Spontaner Beifall kam aus den Reihen der Zuhörer.

„Jetzt ist es echt gut für uns, das Wort Gottes zu studieren“, meinte später ein anderer, „jetzt ist es in unserer Sprache geschrieben. Wir alle können das Buch anfassen, lesen und verstehen. Und wenn wir etwas nicht verstehen, können wir jemand fragen, der schon mehr weiß.“

Ein anderer Christ berichtete:

„Der Älteste einer (brasilianischen) Kirche in der Stadt akzeptiert unsere Guajajara Bibel nicht. Er sagt, sie habe keinen Wert. Aber für uns ist sie das Wort GOTTES, das uns die Botschaft von seiner Liebe und Vergebung bringt – in der Sprache, die wir verstehen“.

„In der Sprache, die wir verstehen“. Das ist der Schlüssel! Ich bin ziemlich sicher, dass die Übersetzung nicht in dieser Weise akzeptiert worden wäre, wenn sie nicht verständlich wäre. Muss man sich, um das zu erreichen, nicht an dem Empfänger orientieren? Er ist es doch, dem sich Gott in seinem Wort offenbaren will. Er ist es, der die Botschaft der Erlösung verstehen soll, damit er seinen Glauben darauf gründen kann. Ist es bei indigenen Sprachen nicht vielleicht unerlässlich empfängerorientiert zu übersetzen?

Martin Luther übersetzte die Bibel aus den Ursprachen in seine Muttersprache. Er kannte seine eigene Sprache, er wusste genau um Sinn und Bedeutung der einzelnen Wörter und Begriffe. Von daher konnte er auch bestens beurteilen, welche „Entfremdung“ er den Lesern zumuten konnte und welche nicht.

Der Linguist hat es dagegen mit einer total unbekannten Sprache zu tun. Zunächst muss er mal bei einer Vielzahl von Morphemen definieren, was überhaupt ein selbständiges Wort darstellt. Um dann den Sinn eines Wortes oder eines Ausdrucks, herauszufinden, muss er ganz eng mit dem nativen Sprecher zusammenarbeiten. Der Linguist ist also von Anfang an auf seine Sprachhelfer fixiert. Sie sind seine Lehrer. Es ist schliesslich ihre Sprache.

Und wenn es dann nach oft jahrelanger Vorarbeit an die Übersetzung geht, arbeitet er genauso eng mit den nativen Sprechern zusammen. Die Arbeit ist im wahrsten Sinne des Wortes empfängerorientiert. Würde es überhaupt anders möglich sein?

Ein weiterer Unterschied zu Luther besteht darin, dass der Wycliffe Missionar bei uns nicht die Ursprachen, sondern eine einigermassen gut verständliche portugiesische Bibelübersetzung zugrunde legte. Den Guajajaras ist es ausgesprochen wichtig, dass ihre Bibel der brasilianischen so weit wie möglich angepasst ist. Sie wollen schliesslich nicht als „Exoten“ dastehen. Ein anderes Tier für „Lamm“ einzusetzen, hätten sie z.B. nie akzeptiert (selbst wenn der Missionar es verständlicher gefunden hätte). Der Übersetzer muss sich eben am Empfänger orientieren.

Eine weitere Frage, bewegt mich. Wie kann man „Wort für Wort“ übersetzen, wenn es gewisse Wörter in der Zielsprache gar nicht gibt? In der Guajajara Sprache existieren z.B. viele abstrakte Begriffe überhaupt nicht, und wenn, dann jedenfalls nicht als Substantiv. Der Übersetzer hat also die Wahl.

1. Er kann ein neues Wort aus bekannten Elementen konstruieren. Das ist allerdings selten.      
Beispiel: (Stephanus) sah die Herrlichkeit Gottes.

Wexak Tupàn ikàgaw  ipuràg    eteahy  haw.
Er sah Gottes Kraft schön (doppelte Steigerung  von schön) (Nominaliser)


„Tupàn ikàgaw ipuràg eteahy haw“
ist also eine Konstruktion des Übersetzers, die hier (und an weiteren Stellen in der Bibel) für „Herrlichkeit Gottes“ steht.

2. Das abstrakte Substantiv wird durch eine verbaleKonstruktion ausgedrückt, die den Sinn so genau wie möglich wiedergibt. Beispiel: Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.

Ta’e Tupàn a’e xe, upuruamutar  katu a’e xe. Uzamutar katu kar teko zanewe a’e wà no.
Denn Gott liebt (Menschen) sehr Er macht auch, dass wir Menschen lieben.

 Zwei Sätze sind nötig, um zu sagen: Gott ist Liebe.

3. Der Begriff wird verbal ausgedrückt und seinem Sinn entsprechend umschrieben. Beispiel: Das Wort „Friede“ gibt es in Guajajara nicht. Hier ein paar Umschreibungen:

Und Josua machte Frieden mit ihnen und schloss einen Bund mit ihnen, dass sie am Leben bleiben sollten. 
= Josua hielt sein Wort ihnen gegenüber. Er versprach, in Zukunft nicht mit ihnen zu streiten (kriegen). – Ich werde meine Leute euch nicht töten lassen, sagte er zu ihnen.

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 
Heute nimmt Gott uns an. Er wird uns nicht bestrafen, denn unser Herr Jesus Christus starb an unserer Stelle.

Jagt dem Frieden nach mit jedermann…
= Nehmt alle Leute (freundlich) an, indem ihr nicht mit ihnen streitet….

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.   (Eine total abstrakte Aussage!)
=Gott möge machen, dass ihr aufhört euch zu fürchten und gebe euch Freude. Wir können die Güte Gottes nicht völlig verstehen. Er wird unser Herz fröhlich machen, denn wir glauben an Jesus Christus.

Dies sind nur 4 Verse, die zeigen sollen, wie schwierig es ist, den Begriff „Frieden“ zu übersetzen. Andere Stellen mit demselben Wort (und wieder anderer Bedeutung) sind noch viel komplizierter und benötigen noch mehr Umschreibungen.

Um eine einigermaßen verständliche Übertragung von abstrakten Gedanken und Aussagen zustande zu bringen (Sinn für Sinn), braucht es eine ausgezeichnete Kenntnis von Sprache und Kultur und eine gute Zusammenarbeit mit den nativen Sprechern. Vor allem braucht es das Gebet um Weisheit von oben und das Vertrauen, dass Gott sich in seiner Gnade dieser Zielgruppe durch das übersetzte Wort offenbaren wird.

Natürlich ist die Guajajara Bibel nicht perfekt und weist noch manche Mängel und Unklarheiten auf. Hier und da wird auch die Sichtweise des Übersetzers deutlich erkennbar. Viele Aussagen sind weiterhin – trotz aller Mühe – schwer verständlich und müssen in der Predigt und biblischen Unterweisung erklärt werden, um einen rechten Sinn zu ergeben.

Bei einer zukünftigen Revision – falls sie denn mal zustande kommt – wird es sicher manche Veränderungen geben, da die Guajajaras sich mehr und mehr ihrer brasilianischen Umgebung anpassen, selbst in der Sprache. Manche ihrer Predigten sind bereits mit Lehnwörtern gespickt. Ob die Botschaft von den Zuhörern dadurch besser verstanden wird, lasse ich dahingestellt sein.

Aber das Schöne ist zu diesem Zeitpunkt, dass GOTT SELBST die jetzige Bibelübersetzung als SEIN WORT gebraucht, um Seine Kinder unter den Indianern geistlich zu ernähren und sie auszurüsten, das Evangelium anderen weiterzugeben. Er ist es, der seine Gemeinde baut, und er gebraucht dazu sein geschriebenes Wort.

Als ich vor meinem Abschied in einer Gebetsgemeinschaft hörte, wie eine Indianerchristin in ihrer Sprache „mit dem Wort betet“, wie sie „Gott sein Wort vorhält“, da wusste ich, dass sie das (übersetzte) Wort verinnerlicht hat, dass es Teil ihres Lebens geworden ist. Und es stimmt wirklich, was der Indianer Mitarbeiter bei der Übergabefeier sagte: „Dies Buch ist … das Buch Gottes! Für uns!“

3. Glauben und gehorchen

Natürlich hat das Wort Gottes nicht nur das Ziel, äußerlich verstanden zu werden und die Erkenntnis der Menschen zu vermehren, sondern Gott will, dass Menschen durch den Glauben an Jesus Christus gerettet werden und sich ihr Leben dadurch auf ihn ausrichtet.

Deswegen sollten die Apostel die Botschaft allen Völkern bekannt machen, damit die Menschen ihr glauben und ihr im Glauben gehorchen (Röm 1,5; 16,26). Und dazu musste das Wort Gottes in die Sprachen der Völker übersetzt werden, was bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Bis heute gilt, was Paulus den Korinthern geschrieben hat: „Es gibt wer weiß wie viele Sprachen in der Welt und keine ist an und für sich unverständlich. Wenn ich aber die Bedeutung der Wörter nicht kenne, werde ich den Redenden nicht verstehen können und er mich auch nicht.“ (1Kor 14,10f.)

Der Bibelübersetzer muss eine Sprache gebrauchen, die der Leser verstehen kann, denn kein Mensch kann einer Aufforderung Folge leisten – auch nicht einer Aufforderung zum Glauben –, wenn er nicht verstanden hat, was er tun soll. Das gilt für jede Art von Bibelübersetzung.