Schon innerhalb des ursprünglichen Bibeltextes werden Texte aus anderen Sprachen übersetzt und manchmal auch als Fremdwort zitiert.

1. Hebräisch-Aramäisch

1.1 Zur Zeit Jesajas

Es war im Jahr 701 v.Chr., als der assyrische König Sanherib den Rabschake, einen seiner höchsten Würdenträger, mit einem gewaltigen Heer gegen König Hiskija schickte. Die Hauptaufgabe des Rabschake bestand darin, den König und das Volk von Jerusalem zu demoralisieren, damit die Stadt umso leichter kapitulieren würde. An einem bestimmten Punkt meldeten sich die Vertreter des jüdischen Königs zu Wort:

Jesaja 36,11-14: "Sprich doch bitte aramäisch mit uns! Wir verstehen es. Sprich nicht hebräisch! Die Leute auf der Stadtmauer hören uns zu." Doch der Rabschake erwiderte: "Hat mich mein Herr etwa nur zu dir und deinem Herrn gesandt? Nein, gerade diese Männer, die da oben auf der Mauer sitzen, sollen es hören. Denn bald werden sie zusammen mit euch ihren eigenen Kot fressen und ihren Harn saufen." Da trat der Rabschake noch ein Stück vor und rief laut auf Hebräisch: "Hört, was der Großkönig, der König von Assyrien euch sagen lässt: Lasst euch nicht von Hiskija täuschen! Er kann euch nicht retten …"

Der Rabschake hatte seine Hausaufgaben gemacht und Hebräisch gelernt. Doch die Vertreter des jüdischen Königs konnten auch Aramäisch. Beide Sprachen sind miteinander verwandt und unterscheiden sich etwa so wie Deutsch und Holländisch.

1.2 Zur Zeit Daniels

Auch in babylonischer Zeit war Aramäisch noch die Sprache der internationalen Verständigung. Etwa 100 Jahre später, um 600 v.Chr., konnte ein phönizischer Stadtkönig einen Brief an den Pharao in Ägypten auf Aramäisch schreiben.
Im Jahr 603 v.Chr. war der junge Daniel in Babylon.
Dan 2,4: Da sagten die Sterndeuter zum König auf Aramäisch: „Der König lebe ewig! Möge er seinen Sklaven den Traum erzählen, dann wollen wir ihn deuten."
Auch Daniel selbst verfasste zwei Kapitel seines Buchs in Aramäisch und zwar von Dan 6,4-7,28. Die Israeliten, die nach der babylonischen Gefangenschaft nach Israel zurückkehrten werden Aramäisch gesprochen haben.

1.3 Zur Zeit Esras

Genauer: Zur Zeit des persischen Königs Arthasasta (= Artaxerxes, 465-424 v.Chr.) wird in Esra 4,7 berichtet, dass drei Personen – offenbar Samaritaner – ein Brief an den persischen Hof in aramäischer Sprache schrieben. Weil dies aber nicht ihre Muttersprache war, sondern eine Mischung aus Aramäisch und Hebräisch, musste der Brief in die Sprache des persischen Hofes übersetzt werden. Der nachfolgende Text (Esra 4,8 – 6,18) ist im Gegensatz zu den anderen Texten des Buches Esra ebenfalls auf Aramäisch verfasst.

1.4 Zur Zeit des Neuen Testaments

Das Aramäisch hatte bei den Juden mehr und mehr das Hebräische verdrängt, so dass zur Zeit des Neuen Testaments beim Gottesdienst in der Synagoge das alte Testament aus dem Hebräischen ins Aramäische übersetzt werden musste, damit die Zuhörer es verstanden. Zwar achtete man in der Synagoge streng darauf, dass der Abschnitt der Schriftlesung aus dem Alten Testament auf Hebräisch vorgelesen wurde. Dann aber musste er mündlich ins Aramäische übersetzt werden, damit jeder auch den Inhalt verstehen konnte.

Alle hebräischen oder aramäischen Worte und Wendungen im Neuen Testament sind uns in griechischen Buchstaben überliefert und werden gleich anschließend ins Griechische übersetzt, zum Beispiel:

„Und er ergriff die Hand des Kindes und spricht zu ihm: Talita kum! Das ist übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!" (Mk 5,41)

Talitha ist auf Aramäisch wahrscheinlich die betonte Form von „Mädchen" = taljah. Kûm heißt: Steh auf!

Und er blickte zum Himmel, seufzte und spricht zu ihm: Hefata! Das ist: Werde geöffnet! (Mk 7,34)

Aramäisch: etpetach oder Hebräisch: hippatach. Es heißt: Öffne dich!

„Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lema sabachthani?, was übersetzt ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34)

Es handelt sich um die aramäischen Worte elâhî lemâ sebaqtanî.

„Der fand gleich darauf seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: ‚Wir haben den Messias gefunden!'"

„Messias" ist das hebräische Wort für „Christus". (Joh 1,41) Aramäisch: meschîcha. Hebräisch: mâschiach. Es bedeutet: der [zum König] Gesalbte.

Es gibt aber ein aramäisches Wort, das nicht übersetzt wird, weil es offenbar auch in den Griechisch sprechenden Gemeinden in seiner ursprünglichen Form verwendet wurde.

„Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht! Maranatha!" (1Kor 16,22)

Das aramäische Original hieß entweder: marana ta = unser Herr komm! Oder: maran ata = unser Herr ist gekommen. Die Unsicherheit der Übersetzung entsteht dadurch, dass in den frühen griechischen Handschriften alles in Großbuchstaben (Majuskeln) wiedergegeben wurde, ohne Punkt und Komma und Wortabstand.

Aus den zitierten Beispielen können wir schon einige Erkenntnisse ableiten:

Erkenntnis 1: Aramäische Namen und Wendungen werden im Griechisch des NT so wiedergegeben, dass auch ein Grieche sie aussprechen konnte, also in veränderter Wortgestalt.

Erkenntnis 2: Auch im inspirierten Text des Neuen Testaments finden wir nichtwörtliche Übersetzungen vor, ohne dass die Aussage dadurch verändert wurde.

2. Hebräisch-Griechisch

2.1 Alexander der Große

"333 bei Issus Keilerei", begann der Siegeszug des 23-jährigen Alexander, den man in der Geschichte dann den "Großen" genannt hat. Zehn Jahre später, 323 v.Chr., war der geniale Feldherr tot. Die Strapazen der Feldzüge und seine Saufereien hatten ihren Tribut gefordert. Doch er hatte ein riesiges Reich erobert und überall die griechische Kultur und Sprache verbreitet. Er wollte den Orient mit dem Okzident (dem Abendland) verbinden. So ermutigte er seine Offiziere, ausländische Prinzessinnen zu heiraten. Er gründete viele Städte, die natürlich Horte des Griechentums wurden. Es gab damals wenigstens sieben Städte namens Alexandria. Das bekannteste und größte Alexandria lag in Nordägypten, westlich des Nildeltas.

Griechisch wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten die Weltsprache und verdrängte das Aramäisch etwas. Es war die Sprache des Handels und der Kultur. Rings um das Mittelmeer verstand man Griechisch. In allen Großstädten des römischen Reiches wurde Griechisch gesprochen.

2.2 Alexandria in Ägypten

Ägypten wurde damals von griechischen Königen regiert und Alexandria entwickelte sich zu einer der berühmtesten Städte der ganzen griechischen Welt. In ihrer Blütezeit hatte Alexandria 700 000 Einwohner, 100 000 davon sollen Juden gewesen sein. Seit der babylonischen Gefangenschaft der Juden (etwa 606-536 v.Chr.) lebten viele von ihnen in Babylonien und Ägypten. Im Lauf der Zeit verstanden diese Juden im Ausland das Hebräische immer weniger. So entstand vermutlich das Bedürfnis, eine Übersetzung des Alten Testaments in die griechische Sprache anzufertigen.

2.3 Die Septuaginta (LXX)

Der ägyptische König Ptolemaios II. Philadelphos (282-246 v.Chr.) soll die Übersetzung der fünf Bücher Moses veranlasst haben. 72 gelehrte Übersetzer (aus jedem Stamm Israels sechs) seien von Jerusalem nach Alexandria gekommen, hätten in 72 Tagen ihre Übersetzung vollendet und wären durch Vergleich zu einem einheitlichen Text gekommen, der dann von der jüdischen Gemeinde von Alexandria gebilligt worden sei. Die gerundete Zahl der 72 Übersetzer führte zur Bezeichnung "Septuaginta" = Siebzig (LXX).

Heute nimmt man an, dass die einzelnen Schriften des Alten Testaments von verschiedenen Gelehrten ins Griechische übersetzt wurden. Das wird unter anderem aus den unterschiedlichen Übersetzungsweisen geschlossen. Wir finden in der LXX alle Stufen von Übersetzungen, von der größten Wörtlichkeit bis zur größten Freiheit gegenüber den hebräischen Texten, die uns vorliegen. 1

2.4 Zur Zeit unsers Herrn

Nach Alexander dem Großen herrschten mehr als 150 Jahre lang griechische Generale und ihre Nachkommen über Israel. Und bei vielen Juden hatte die griechische Kultur großen Anklang gefunden. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass es zur Zeit unseres Herrn Städte und Dörfer in Israel gab, die fast ausschließlich von Griechisch sprechenden Menschen bewohnt waren, vor allem in Galiläa und im Zehnstädtegebiet, wo man schon mehrsprachig aufwuchs.

Von daher wurde auch die Tafel am Kreuz unseres Herrn in drei Sprachen abgefasst: Hebräisch, Lateinisch (der Sprache der römischen Eroberer) und Griechisch.

Interessanterweise waren selbst im Tempel Verbotstafeln in griechischer Sprache angebracht. An dem Geländer, das den Vorhof der Heiden vom Vorhof der Frauen trennte, warnten sie Nichtjuden bei Todesstrafe, die inneren Vorhöfe des Tempels zu betreten.

2.5 Zur Zeit der Apostel

Überall, wo die Apostel und ihre Mitarbeiter das Evangelium außerhalb Israels und innerhalb des Römischen Reichs weitergaben, taten sie das in griechischer Sprache. Sie konnten voraussetzen, dass es in allen Synagogen der Diaspora eine aus mehreren Schriftrollen bestehende Septuaginta gab, an deren Kenntnis die Apostel in ihrer Mission anknüpfen und auf deren Studium sie verweisen konnten. So berichtet Lukas von der Arbeit des Paulus und Silas in Beröa:

Als die beiden dort angekommen waren, suchten sie als Erstes wieder die Synagoge auf. Die Juden in Beröa aber waren unvoreingenommener als die in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft bereitwillig auf und studierten täglich die Heiligen Schriften, um zu sehen, ob das, was Paulus lehrte, wirklich zutraf. Viele von ihnen kamen daraufhin zum Glauben, auch nicht wenige prominente griechische Frauen und Männer. (Apg 17,10-12)

In seinem letzten Brief schrieb Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus:

Du aber bleib bei dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist! Du weißt ja, wer deine Lehrer waren, und bist von frühester Kindheit an mit den heiligen Schriften vertraut, die dir die Weisheit vermitteln können, die zur Rettung nötig ist – zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus. Die ganze Schrift ist von Gottes Geist gegeben und von ihm erfüllt. Ihr Nutzen ist entsprechend: Sie lehrt uns die Wahrheit zu erkennen, überführt uns von Sünde, bringt uns auf den richtigen Weg und erzieht uns zu einem Leben, wie es Gott gefällt. (2Tim 3,14-16)

Paulus spricht hier zunächst vom Alten Testament, das dem Timotheus schon von Kind auf vertraut war. Er hatte aber einen griechischen Vater und wuchs in einer Griechisch sprechenden Umgebung auf. Das verweist wieder auf die seit mehr als 200 Jahren vorhandenen Übersetzung, die Septuaginta (LXX). Paulus weiß, dass das AT auch in dieser Übersetzung die Weisheit vermittelt, die zur Rettung führt.

An dieser Stelle wird auch deutlich, dass schon das Alte Testament, obwohl es sich natürlich zuerst an das Volk Israel richtet, auch eine evangelistische Funktion hat, also Menschen zum Glauben führt. So fand Timotheus zum rettenden Glauben an Jesus Christus, so konnte Apollos den Juden beweisen, dass Jesus der Messias ist (Apg 18,27f.).

Und im oben zitierten Brief macht Paulus deutlich, dass auch das Alte Testament vom Heiligen Geist gegeben und erfüllt ist. [2] Der Geist Gottes wirkte also nicht nur bei der Entstehung der heiligen Schriften, sondern wirkt auch heute noch durch sie. Und das gilt nicht nur für die Schrift in der Originalsprache, sondern auch für eine Übersetzung wie die LXX.

Die Apostel und ihre Schüler verfassten alle ihre Schriften, die uns im Neuen Testament erhalten sind, in griechischer Sprache. [3] Deshalb war die griechische Sprache in den ersten drei Jahrhunderten der christlichen Gemeinde die Sprache ihrer heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Ja, die Septuaginta galt als die einzige inspirierte Übersetzung des Alten Testaments.

Erkenntnis 3: Die ganze Heilige Schrift ist nicht nur für Gläubige bestimmt, sondern hat auch eine evangelistische Funktion. Menschen können allein durch das Lesen der Bibel zum Glauben kommen. [4]

Erkenntnis 4: Von den Aposteln, ihren Schülern und den Gemeinden der ersten dreihundert Jahre wurde die Septuaginta mit ihrer zum Teil wörtlichen und zum Teil etwas freieren Übersetzung nicht nur akzeptiert und empfohlen, sondern auch als verbindliches Wort Gottes anerkannt.

2.6 Im Neuen Testament

Weitere Beobachtungen können wir machen, wenn wir die Zitate aus dem Alten Testament im Neuen Testament untersuchen. Es handelt sich dabei immer um Übersetzungen aus dem Hebräischen. Manchmal hat der inspirierte Autor selbst übersetzt, häufig aber aus der LXX zitiert. Besonders interessant sind dabei die 50 Zitate, bei denen sich die Autoren eng an den Wortlaut der LXX halten, diese aber den hebräischen Text freier wiedergibt.[5]

So wird zum Beispiel aus Sprüche 3,34: „Fürwahr, der Spötter spottet er, den Demütigen aber gibt er Gnade“ in der LXX: „der Herr widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“ und bei Jakobus und Petrus: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“. Aus den Spöttern werden Hochmütige, aus dem Spott wird Widerstand, aus „er“ wird der Herr bzw. Gott. Der Sinn bleibt hier und in allen anderen 50 Fällen genau erhalten.[6]

Dem normalen Bibelleser fallen diese Dinge kaum auf. Das liegt einmal daran, dass er Zitate selten überprüft und zum anderen, dass man viele Einzelheiten nur im hebräischen und griechischen Grundtext erkennen kann.

Abschließend dazu soll noch bemerkt werden, dass 268 Zitate des Neuen Testaments einen LXX-Text wiedergeben der sich sehr eng an den Wortlaut des Hebräischen hält. Und in 33 anderen Fällen haben sich die Autoren des Neuen Testaments enger an den Wortlaut des Hebräischen gehalten als die LXX.

Erkenntnis 5: Die inspirierten Autoren des Neuen Testaments zitieren sowohl wörtlich als auch frei übersetzte Texte der Septuaginta als göttlichen Beleg für ihre jeweilige Aussage.