Warum wissenschaftliche Hypothesen nicht identisch sind mit biblischen Wahrheiten

Der Ausgangspunkt

Anfang des vergangenen Jahrhunderts tobte der Babel-Bibel-Streit in Deutschland. Letztlich ging es darum, ob die Verfasser der biblischen Urgeschichte etwa vom sogenannten Gilgamesch-Epos inspiriert worden wären. Damals – wie auch heute noch – waren bibelkritische Theologen führend an den deutschen Universitäten. Die Entstehung des ersten Buchs der Bibel führte man nicht auf Mose zurück, sondern auf die Aktivitäten von vier Autoren und einem Redaktor, der dann – lange nach Moses Zeit – alles zusammengeschrieben hätte.

Nach dieser sogenannte vier-Quellen-Theorie (Quellenscheidung) ordneten Theologen verschiedene Textstücke des 1. Buches Mose nach unterschiedlichen Kriterien einem Jahwist (J), einem Elohisten (E), einem Deuteronomist (D) und einer Priesterschrift (P) zu.

In Bezug auf den Schöpfungsbericht ordnete man 1Mo 1,1-2,4a dem Elohisten zu, weil Gott in diesen Versen als Elohim bezeichnet wird. Ab Kapitel 2,4b begann dann für diese Theologen ein zweiter, ganz anderer Schöpfungsbericht. Der sei vom Jahwist verfasst worden, weil hier jetzt mehrfach Jahwe (eigentlich Jahwe-Elohim) steht.   

Die Toledot-Formel

In diesem Zusammenhang spielt die Toledot-Formel im hebräischen Bibeltext eine Rolle. Der Begriff ist von jalad (= gebären, hervorbringen) abgeleitet und bedeutete das Hervorgebrachte und kann je nach Zusammenhang mit Geschichte oder Generationenfolge übersetzt werden. Es handelt sich also immer um eine Art Überschrift. Das war das traditionelle Verständnis der Formel, zum Beispiel 1Mo 2,4a: „Dies ist die toledot des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden.“ Die Formel geht immer vom vorherigen Text aus und weist auf den Nachfolgenden hin. Toledot kommt im 1. Buch Mose elfmal vor und teilt das Buch in zwölf Abschnitte. Eigentlich könnte es uns egal sein, ob diese Formel nun Überschrift oder Unterschrift ist, solange alles Gottes Wort bleibt. Wenn damit aber die Einheit und Inspiration der biblischen Bücher in Frage gestellt wird, ist das eine andere Sache.

Die Quellenscheidung setzte im Text von 1Mo 2,4a aber für toledot den Begriff Entstehungsgeschichte ein. Damit fasst sie toledot als Unterschrift für die sogenannte erste Schöpfungserzählung auf. So kann der Bibeltext ab 1Mo 2,4b als Beginn einer zweiten Schöpfungserzählung gelesen werden und wird nicht als ergänzende und logische Weiterführung des ersten Kapitels verstanden. Viele Bibelübersetzungen machen das bis heute durch einen Absatz im Druckbild zwischen V. 4a und 4b kenntlich.

Die Tontäfelchen-Theorie

An dieser Stelle kommt die Tontäfelchen-Theorie ins Spiel. Sie wurde von P. J. Wiseman (1888-1948) entwickelt, einem bibelgläubigen Wissenschaftler, der sich entschieden gegen die Theorie der Quellenscheidung stellte. Er wurde auf die Kolophone, Nachschriften auf den Keilschrift-Täfelchen, aufmerksam, die immer am Ende eines Textes stehen und Titel, Datum und den Namen des Autors oder Besitzers enthalten (bei Serien einen Hinweis, dass noch Text folgt und erst beim letzten Täfelchen den Namen). Da kam ihm die Idee, dass dies doch auch im ersten Buch Mose mit der Toledot-Formel der Fall sein könnte, wenn dies, wie die meisten Theologen seiner Zeit behaupteten, eine Unterschrift sei. Diese Grundthese wurde für ihn zum „Schlüssel zur Erklärung der Genesis“. Er untersuchte die biblischen Zusammenhänge und sammelte weitere Indizien für seine These. Sein Buch New discoveries in Babylonia about Genesis erschien 1936 in England, später auch in den USA und Kanada. Auf Deutsch erschien es unter dem Titel „Die Entstehung der Genesis. Das erste Buch der Bibel im Licht der archäologischen Forschung“, Verlag Sonne und Schild GmbH Wuppertal (ohne Jahresangabe) 1 mit einem Vorwort von Wisemans Sohn, Donald. Er schrieb am Schluss: „Seither ist auf dem Gebiet der archäologischen Forschung natürlich allerhand geschehen. Aber es ist nichts gefunden worden, was seiner Grundthese widerspräche.“ Er veröffentlichte das Buch seines Vaters in Englisch noch einmal im Jahr 1985 unter anderem Titel.

Für bibelgläubige Christen war diese Theorie faszinierend, denn die Tontäfelchen würden dann auf Augenzeugen der Geschehnisse zurückgehen. Wiseman argumentierte:

An keiner Stelle wird etwas berichtet, was die in der Formel genannten Personen nicht aus ihrer eigenen Kenntnis der Dinge oder aus ganz nahen Quellen hätten selbst schreiben können. Es ist überaus bezeichnend, dass die einzelnen Textabschnitte der Genesis alle vor Eintritt des Todes der jeweils genannten Person zu Ende gehen. 2

Man müsste nur annehmen, dass die ersten beiden Täfelchen mit Noah die Sintflut überstanden hätten und dann weiter bis zu Jakob überliefert worden wären. Etwas merkwürdig kommt einem nur vor, dass Abraham dabei gar nicht vorkommt, dafür aber Ismael, und Esau gleich zweimal. Schließlich hätte Mose aus dem Stapel der überlieferten Tontäfelchen sein erstes Buch zusammenstellen können.

Sehr merkwürdig ist aber die folgende Zusammenstellung Wisemans. Denn das waren genau die Argumente der bibelkritischen Quellenscheidung. Allerdings war das für ihn als Gegner der Quellenscheidung ein genialer Schachzug, weil er die nachstehenden (eigentlich kritischen) Argumente auf Personen anwandte, die in der Bibel genannt werden.

ARGUMENTE FÜR VERSCHIEDENE AUTOREN
1) Unterschiede im Wortgebrauch und Stil.
2) Mehrfaches Vorkommen derselben Berichte.
3) Interne Hinweise auf unterschiedliche Abfassungszeiten mancher Abschnitte.
4) Unterschiedlicher Gebrauch der Gottesnamen. 3

Die Ablehnung der Tontäfelchen-Theorie

Wissenschaftliche Gründe

Die Keilschrift-Täfelchen, die Wiseman damals zu Gesicht bekam, und über die diskutiert wurde, stammen aus dem 7. Jahrhundert v.Chr. Sie stammten aus der Bibliothek des Assurbanipal (20 000 Tontäfelchen) und tragen das typische Kolophon. Darunter fand man auch geschichtlich-religiöse Texte. Aber auf viel älteren Täfelchen-Fundstücken (2.-3. Jahrtausend v.Chr.) befinden sich nur noch Wirtschaftstexte oder -listen.  Hier ist auch die Schrift größer und noch mit Bildzeichen verbunden.

Die meisten Tontäfelchen sind etwa so groß wie ein Handy. Die größten Tafeln, die man gefunden hat, messen etwa 30 x 30 cm. Diese waren aber schwer und konnten leicht zerbrechen. Größere Mengen an Keilschrifttexten fand man sonst nur an Gebäude- oder Felswänden. Es bleibt die Frage, ob auf das Täfelchen mit der Nummer P270822 und den Maßen von 166 x 90 x 38 mm, dessen Alter man zwischen 2500 und 2340 v.Chr. schätzte, auch nur der Text von einem kürzeren Kapitel der Genesis passen würde. Hier ein Beispiel für Keilschrift und ihre Übersetzung: 4

Keilschriftzeichen übersetztBis heute wurden keine alten Keilschrift-Texte mit geschichtlichen oder gar biblischen Inhalten gefunden und schon gar nicht aus der im biblischen Text vorausgesetzten Zeit. Es ist außerdem extrem unwahrscheinlich, dass eine ganze Keilschrift-Bibliothek von Nomaden über Generationen hin aufbewahrt wurde. Niemand hat Wisemans Theorie auf dem Gebiet der Archäologie weiterentwickelt oder neue Indizien dafür gefunden, auch nicht Wisemans Sohn Donald.

Die Zeit, in der die Tontäfelchen-Theorie entstand, erzeugte auf christlicher Seite eine regelrechte Euphorie, in dem Glauben, dass die Archäologie die Bibel immer häufiger bestätigte. So erschien 1966 das Buch von Werner Keller: Und die Bibel hat doch recht. Es wurde ein Weltbestseller. Uwe Zerbst bewertet in seiner sehr lesenswerten Broschüre „Spurensuche“ Kellers Fazit so:

Nahezu überall, wo eine bibelkritische Theologie den Wahrheitsgehalt alttestamentlicher Texte angezweifelt hat, hat die Archäologie den Gegenbeweis erbracht und gezeigt, dass die Texte bis ins Detail hinein zuverlässig sind. Bei vielen Christen hat sich dieses Bild bis heute fest eingebrannt, auch wenn die Neuauflage von 1989 einige vorsichtige Ergänzungen eingefügt hat, über die man aber schnell hinwegliest.

Thomas B. Tribelhorn hatte genau dieses Problem. Er war überzeugt, dass viele archäologischen Fakten die Bibel bestätigten. Doch als er dann nach Israel kam, dort bei Ausgrabungen mitarbeitete, israelischen Archäologen begegnete und sich mit ihren Büchern auseinandersetzte, wurde sein Glaube fast zerstört. Seit 2002 gibt es einen neuen Bestseller, diesmal von Finkelstein und Silbermann: „Keine Posaunen vor Jericho“. Die Autoren erklären, dass die Mauern Jerichos längst zerstört waren, als Josua mit dem Volk Israel vor Jericho stand. Und sie sind überzeugt, dass die Geschichte der Erzväter bis zu den ersten Königen Israels ganz anders verlief, als in der Bibel dargestellt. Wie Tribelhorn wieder zurecht kam und dennoch der Bibel vertraut, beschreibt er in seinem wichtigen und gut verständlichen Buch: „Die Bibel ist ein Mythos“ - muss ich das glauben? Fakten bewerten statt Gott begraben.

Biblische Gründe

Wenn man ohne den Vorbehalt aus der Ton-Täfelchen-Theorie an die ersten Kapitel der Bibel herangeht, kann man gut erkennen, dass 1. Mose 2,1-3 durchaus einen natürlichen Schluss zum Schöpfungsbericht bildet. 1Mo 2,4a wäre dann die Überschrift und 2,4b der Beginn des abhängigen Satzes wie es auch in Kapitel 5,1 der Fall ist.

Das hebräische toledot bedeutet nun einmal Weiterentwicklung aus Vorhandenem, es zeigt, wie die Geschichte weitergeht (oder nennt weitere Einzelheiten). Man kann es daher gut als Überleitungsformel verstehen, siehe 1. Mose 5,1; 6,9; 10,1; 11,10.27; 25,12.19; 36,1; 37,2, aber auch 2. Mose 6,16; Rut 4,18 u.a. was deutlich aus dem Kontext hervorgeht. Unserem biblischen Verständnis schadet das nichts.

Es ist sogar leichter, toledot als eine Art Überschrift zu verstehen, wie auch Julius Steinberg sehr gut für die Gliederung der Genesis erklärt hat. Siehe seine lesenswerte kurze Abhandlung als PDF.

Kritik der Bibelkritik

Wie schon oben bemerkt, ist es gar nicht so wichtig, ob wir die Toledot-Formel als Überschrift oder Unterschrift bewerten. Aber wir müssen in jedem Fall lernen, Fakten von Theorien oder gar nur Hypothesen zu unterscheiden. Diese Frage sollten wir uns immer stellen: War es wirklich so? Oder etwas vorsichtiger: Könnte es nach allem, was wir heute wissen, so gewesen sein? Die Euphorie ist längst vorbei, aber es gibt immer noch sehr gute Aussichten, der Bibel zu vertrauen und dabei gute Unterstützung in der Archäologie zu finden. Siehe dazu die Bücher von Tribelhorn und Zerbst.

Was wir aber immer tun können, ja sogar sollen: Herausfinden, wo die Behauptungen gegen die Glaubwürdigkeit der Bibel auf einer massiven Verdrehung der Beweislage beruhen. Es ist richtig und gut, alle Theorien, die sich gegen die Bibel stellen, gründlich zu hinterfragen. Der Bibelbund sieht das als eine seiner Aufgaben an und hat in seiner Zeitschrift „Bibel und Gemeinde“ und auf seiner Homepage eine Rubrik „Kritik der Bibelkritik“ dafür eingerichtet.

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