Stellungnahme zu einem vierunddreißig A4-Seiten langen Aufsatz von Dirk Schürmann unter gleichnamigen Titel, der am 5.3. 2020 auf SoundWords online veröffentlicht wurde und sich gegen die NeÜ und andere kommunikative Übersetzungen wendet.

Ich bin von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, und von einem Bruder des Bibelbunds um eine Stellungnahme gebeten worden. Deshalb mein eigener Untertitel:

Warum nicht beide Übersetzungen verwenden?

Ich nehme an, dass Dirk Schürmann ein Bruder ist, der das Wort Gottes und unseren Herrn Jesus Christus liebt. Wenn meine Annahme richtig ist, stimmen wir beide darin völlig überein. Ebenso vermute ich, dass wir in der Frage der vollständigen Inspiration und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift übereinstimmen. Streng genommen gilt das aber nur für den hebräischen, aramäischen und griechischen Grundtext. Und damit sind wir schon bei den Problemen.

  1. Alle Bibelübersetzungen beruhen auf originalsprachigen Texten, die in tausenden von Handschriften überliefert wurden. Hochkarätige Wissenschaftler haben diese mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Es wird allerdings darüber diskutiert, welches davon die beste Zusammenstellung der Texte ist, wobei alle Arbeiten zu einem sehr hohen Prozentsatz völlig übereinstimmen. Ich habe mich vor einigen Jahren ausführlicher dazu geäußert.[1]
  2. Wie soll man übersetzen: wortgenau oder sinngenau, formtreu-grammatisch-wörtlich oder inhaltstreu-kommunikativ, soll man eine Studienbibel wie die REÜ verwenden oder eine Lesebibel wie die NeÜ? Aber warum muss man darüber streiten? Jede Art der Übersetzung hat Vorteile und Nachteile. Außerdem ist keine Übersetzung identisch mit dem Grundtext, aber Gott in seiner Gnade wirkt auch durch die Übersetzungen hindurch und das schon seit mehr als 2200 Jahren, nämlich seit der ersten Übersetzung des Alten Testaments.

Von einem hochkarätigen Sprachwissenschaftler erhielt ich einmal folgenden Rat: Am besten ist es, eine sinngenaue und eine wortgenaue Bibel nebeneinander zu verwenden. Wenn beide den gleichen Inhalt wiedergeben, kann ich sicher sein: Das ist Gottes Wort (für mich).

Hier eine grobe Gegenüberstellung von Stärken und Schwächen der beiden Hauptarten aller ernstzunehmenden Bibelübersetzungen:

Studienbibel: wortgenau wie UE, REÜ

Lesebibel: sinngenau wie NGÜ, NeÜ

Übereinstimmung mit der sprachlichen Form des Originals, man gibt gleiche Wörter, Ausdrücke, grammatische Konstruktionen nach Möglichkeit auf gleiche Weise wieder.

Der Inhalt soll möglichst unversehrt wiedergegeben werden, aber mit den Ausdrucksmitteln und Begriffen der heutigen deutschen Sprache.

Poetische Texte können nicht mehr als solche erkannt, gelesen und gehört werden.

Poetische Text können adäquat wiedergegeben werden (Sprachrhythmus, Parallelismus).

Es wird die Fähigkeit benötigt, sehr lange und komplizierte Sätze zu verstehen und viel Hintergrundwissen, damit man den Text versteht.

Komplizierte Sätze werden in kleinere Einheiten aufgelöst. Man kann fast alles gleich beim Lesen verstehen. Unbekannte Begriffe sind erklärt.

Weil Begriffe möglichst gleich wiedergegen werden, ist das Studium von Einzelheiten, und Wortvergleiche im Prinzip ohne Kenntnis der Grundsprachen möglich.

Schnelleres Verstehen des unmittelbaren biblischen Zusammenhangs. Viele Begriffe werden dem biblischen Kontext entsprechend wiedergegeben.

Es kommt leicht zu Missverständnissen und Fehldeutungen.

Die Mehrdeutigkeit mancher biblischen Aussagen geht verloren.

An dieser Stelle könnte ich meinen Aufsatz mit eben genannter Empfehlung beenden, wenn Bruder Schürmann (künftig mit DS abgekürzt) sich nicht an einigen Stellen sehr heftig gegen mich und die NeÜ bibel.heute geäußert hätte. Wie kam er eigentlich dazu und wie lautet sein Urteil? Wie begründet er seine Vorgehensweise und warum legt er die Schrift so eigentümlich aus? Das alles wird durch die vielen von ihm aufgeführten und kommentierten Schriftstellen deutlich.

1.    Der Anlass

Anlass war, wie Bruder Schürmann schreibt, WhatsApp-Nachricht von einem vermutlich jungen Bruder, der die Bibel beim Lesen der NeÜ auf einmal zu verstehen anfing – im Gegensatz zur Elberfelder Übersetzung (Edition CSV). Vermutlich ist das unter jüngeren Leuten auch in Schürmanns Umfeld häufiger der Fall. Sie verstehen die EÜ nicht mehr und wenden sich deshalb verständlicheren Bibelübersetzungen zu. Offenbar sind das nicht nur junge Geschwister. Deswegen Schürmanns lange und kritisch-selbstsichere Beurteilung der NeÜ.

2.    Das Urteil

„Es ist sicher klargeworden, dass derjenige, der die NeÜ zu seiner Bibel erklärt, mit dem Glauben an Gott gleichzeitig auch den Glauben an den Autor der NeÜ verknüpft. Denn er muss diesem glauben, dass er die Botschaft Gottes immer richtig deutet. Wenn die NeÜ Karl-Heinz Vanheidens Bibelparaphrase hieße, gäbe es kein Problem. Indem sie sich aber als Übersetzung bezeichnet, erhebt sie den Anspruch, Gottes Botschaft zu sein.“ (S.12)

„Und ja, es stimmt: Die NeÜ ist leicht zu verstehen. Aber zu behaupten, dass man damit die Bibel versteht, ist so nicht richtig. Das, was leicht zu verstehen ist, ist nur die Meinung von Karl-Heinz Vanheiden über den Bibeltext.“ (S.12)

„Dem Grundsatz nach ist jede Übersetzung mit dem Anspruch, sinngenau zu sein, nichts anderes als ein Versuch, das zu verbessern, was Gott anscheinend nicht gut genug gelungen ist: seine Gedanken verständlich mitzuteilen.“ (S. 13)

Das Urteil von DS soll offensichtlich alle Glaubensgeschwister abschrecken, die denken, die Bibel mit Hilfe kommunikativer Übersetzungen besser zu verstehen.  DS führt außer der NeÜ auf: die Gute Nachricht Bibel (GNB), die Hoffnung für alle (HfA), die Neue Genfer Übersetzung (NGÜ) und die Neues Leben Bibel (NLB).

Dass solche Leser dann aber ihren Glauben an Gott mit dem Glauben an den Autor der NeÜ verbinden würden, ist eine ungeheuerliche Unterstellung für jeden Leser und den Übersetzer. Gerechterweise sei hinzugefügt, dass DS diejenigen Geschwister meint, die die NeÜ zu „ihrer Bibel“ also ihrer Hauptbibel erklären. Aber sollen sie stattdessen ihren Glauben an Gott mit den autoritativen Erklärungen von Dirk Schürmann (DS) verbinden?

DS behauptet, dass jede sinngenaue Übersetzung der Versuch sei, das zu verbessern, was Gott anscheinend nicht gut genug gelungen ist. Doch damit tadelt er auch äußerst wichtige Übersetzungen in der Heils- und Kirchengeschichte wie die Septuaginta (LXX), die auch von den Aposteln im Neuen Testament zitiert wird, obwohl sie teilweise sehr frei ist.[2] Ebenso unterstellt er damit auch Martin Luther, der eine Bibelübersetzung geschaffen hat, die das Volk verstehen konnte,  oder Hermann Menge mit einer ausgezeichneten Übersetzung, die gerade neu herausgegeben wurde: Diese Übersetzer hätten verbessern wollen, was Gott nicht gut gelungen sei. Wie sehr kann man sich eigentlich noch in seinen Formulierungen versteigen?

Überrascht hat mich allerdings, dass Bruder Schürmann die „Übersetzung von Karl-Heinz Vanheiden“ beschreibt als eine, „die möglicherweise noch die beste kommunikative Übersetzung ist“. Er will dann aber an vielen Textbeispielen der NeÜ zeigen, wie gefährlich alle solche Übersetzungen sind.

Doch zunächst versucht er folgende Behauptung (S. 4) zu begründen: „Der Herr Jesus hatte nicht unbedingt das Ziel, das die NeÜ hat“. Der anschließend zitierte Satz stammt aus dem Vorwort der NeÜ: „Die Übersetzung versucht, Sinn und Struktur des Textes zu erfassen und auch für einen Leser aus nichtchristlichem Umfeld verständlich wiederzugeben.“

Weiter unten (S. 5) legt er noch etwas drauf: „Es ist gar nicht nach Gottes Gedanken, dass eine Übersetzung alles in einfache Sprache umsetzt, damit es sofort verstanden wird. Damit meine ich natürlich nicht, dass wir es unnötig schwer machen müssten.“

Damit leugnet er die Klarheit der Schrift, die schon von den Reformatoren betont wurde. „Die Klarheit der Schrift bedeutet, dass die Bibel in einer solche Weise geschrieben ist, dass ihre Lehren von allen verstanden werden können, die sie lesen wollen, indem sie Gottes Hilfe suchen und bereit sind, dem Wort Gottes Folge zu leisten.“ (2Pt 1,18-19; Ps 119,105)[3]  „Martin Luther hat einmal gesagt, dass ein siebenjähriges Kind alles verstehen könnte, wenn es die Originalsprachen beherrschte. Jeder kann lesen und verstehen, was ausgesagt ist.“[4] Die NeÜ hat ausdrücklich eine evangelistische Zielsetzung und unterstützt damit auch die Arbeit der „Gideons“.

Bruder Schürmann behauptet: „Vielmehr hat Gott in seinem Wort sicher bewusst an vielen Stellen so geschrieben, dass wir den Sinn des Wortes nicht unmittelbar an der Oberfläche finden.“ Aber was, wenn „tiefer schürfen“ mehr Deutung als Auslegung ist?

3.    Die Begründung

DS zitiert 2Pt 3,15-16, wo Petrus bemerkt, dass einige Dinge bei Paulus schwer zu verstehen sind. DS lässt aber den Zusammenhang weg, dass es nämlich 1. Unwissende und ungefestigte Menschen sind die auch die Schriften des AT verdrehen. 2. geht es Petrus in diesem Zusammenhang um Endzeitfragen. Dazu passt auch Offb 1,1, wo Jesus Christus seinen Dienern (Sklaven) Dinge der Zukunft offenbart. DS behauptet, dass es dabei aber nicht um alle Christen geht, sondern nur um besonders hingegebene. Diese Behauptung wird aber vom übernächsten Vers (Offb 1,3) durchgestrichen, wo alle Leser und Hörer angesprochen sind.

Ja, Lehrer sind wichtig für die Gemeinde (Eph 4,11-14), aber eine Gemeinde, die von ihnen abhängig wird, bleibt unmündig. Aufgabe der Lehrer ist es, die Heiligen auszurüsten. Da stimmen wir überein.

Dann zitiert DS Jes 6,9-10, ein Gerichtswort über das Volk Israel. Das ist ein sehr spezieller Fall, hat aber nichts mit der Verständlichkeit der Schrift zu tun. Dass unser Herr manchmal in Gleichnissen zum Volk geredet hat (Matthäus 13,10-12) hat es genau mit Gericht (Verstockung) zu tun.

Dass die Jünger manches nicht verstanden (Joh 16,16-17), hat in der Weise nichts mit uns zu tun, weil es uns ja gerade aufgeschrieben und erklärt ist, damit wir es verstehen. Auch Joh 16,12-13 galt speziell für die Jünger und hat sich später aufgelöst, wie wir aus der Schrift selbst wissen.

Aber selbst Feinde Gottes haben manchmal Gleichnisse sofort verstanden (Mt 21,45-46; Mk 12,12; Lk 16,14). Gottes Wort setzt voraus, dass es verstanden wird. Mose las das Wort Gottes dem Volk vor und das erklärte, sich danach richten zu wollen. Das heißt, es hatte alles verstanden (2Mo 24,7). Ein König sollte jeden Tag im Gesetzbuch Jahwes lesen (5Mo 17,19). Das setzt voraus, dass er das konnte. König Joschija verstand auf Anhieb was Gott von ihm wollte (2Kö 22,11.16). Auch König Jojakim verstand sofort, was ihm aus der Schriftrolle Jeremias vorgelesen wurde, allerdings war er nicht bereit, zu hören (Jeremia 36). Nur wer das Wort Gottes versteht, kann auch Frucht bringen (Mt 13,19.23).

Selbstverständlich ist es für uns immer angebracht, mit Demut, Gebet und Sorgfalt an die Schrift heranzugehen. Gerade bei schwierigen Stellen tut es uns gut, die eigene Erklärung nicht als die einzig mögliche stehen zu lassen, und besonders dann, wenn Deutungen unumgänglich sind wie bei Gleichnissen. Leider habe ich solch festgelegte Deutungen bei Bruder Schürmann mehrfach gefunden wie es auch in den von ihm angeführten Beispieltexten s.u. immer wieder vorkommt.[5]

4.    Die Denkweise

Bruder Schürmann, ist offenbar in der Denkweise einer sogenannten exklusiven Brüder-Gemeinde zu Hause. Dieses Systemdenken stellt das eigene theologische System über die Heilige Schrift, ohne das überhaupt zu bemerken. Das heißt, die Ergebnisse stehen schon vor jeder ernsthaften Exegese fest und die Auslegung wird so hingebogen, dass sie zum System passt. Das wird in fast allen Beispielen deutlich, die Bruder Schürmann unten kommentiert.[6] Seine Auslegung oder Deutung mancher Aussagen der Schrift hängt oft an einzelnen Begriffen, die er so erklärt, wie er sie verstanden hat, manchmal ohne auf den direkten Schriftzusammenhang des Verses im Kapitel zu achten.
Nun ist DS nicht der erste, der eine kommunikative Übersetzung verteufelt. Dass er dafür ganze vierunddreißig A4-Seiten benötigt, macht seine Argumente nicht stärker, sondern zeigt nur, dass er alles ablehnt, was seiner eigenen Interpretation der Bibel widerspricht. Möglicherweise will er damit auch die Jugendlichen in seiner Gemeinde auf die EÜ einschwören.

Ich selbst schätze die Revidierte Elberfelder Bibel und arbeite auch in dem Arbeitskreis mit, der diese Übersetzung weiter pflegt. Auch lese ich die Elberfelder jeden Tag neben meiner Übersetzung und einer englischen und vergleiche alles immer wieder mit dem Grundtext, um meine Arbeit zu verbessern und Missverständnisse bei meinen Lesern zu vermeiden.  Deshalb habe ich auch alle von DS angeführten Schriftstellen untersucht und tatsächlich drei Stellen gefunden, die mich zum Überdenken meiner Übersetzung genötigt haben. 

5.    Ausgewählte Beispiele

In Sach 13,7 mokiert DS, dass ich den Begriff „Genosse“ wiedergegeben habe mit „der mir am nächsten steht“. Gemeint ist wahrscheinlich der Sohn Gottes. Ich bin überzeugt, mein Sohn steht mir sehr viel näher als jeder Genosse. Ähnlich ist es 1Joh 1,3.7. Hier bestreitet DS, dass koinonia etwas mit verbunden sein zu tun hat und behauptet, dass Gemeinschaft immer eine praktische Sache ist, die ausgelebt werden muss. Aber wie sollte dem alten Johannes das aus weiter Entfernung mit seinen Briefempfängern möglich sein? Ähnlich DS auch in 1Mo 1,25, wo er wilde Tiere als Raubtiere deutet.

Mi 5,1 behauptet DS, dass meine Übersetzung: „Sein Ursprung liegt in der Vorzeit, / sein Anfang in der Ewigkeit“ den Leser verführen würde, zu glauben, dass Christus einen Anfang gehabt hätte. Das ist eine Hineindeutung von DS in die NeÜ, wie er es häufig in seinen Beispielen tut. Ich frage mich: Versteht DS denn gar nichts von Poesie? Der zweite Satzteil sagt doch das gleiche aus wie der erste!

Offb 3,10 geht es um eine Genitivkonstruktion. EÜ: „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast.“ NeÜ: „Weil du meine Aufforderung zur Standhaftigkeit beherzigt hast.“ Geht es hier um etwas, was Christus getan hat oder war er uns sagt? DS erklärt eine halbe Seite lang, warum nur seine Deutung richtig ist. Aber in solchen Fällen muss der Übersetzer immer entscheiden, was am besten in den Zusammenhang des Textes passt. So ist es zum Beispiel häufig bei den Aussagen vom Glauben. Meint es den Glauben des Christus oder den Glauben an Christus? Gal 2,20: Lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes oder im Glauben des Sohnes Gottes? In all solchen Fällen ist DS in seinen Erklärungen eindeutig festgelegt und hält alles andere für falsch. Um Genitivkonstruktionen geht es auch in 2Kor 10,5; 1.Petrus 1,2; 1Jo 2,15; Kol 2,11 wo die Erklärungen von DS kaum überzeugen können.

Die Worte in den biblischen Grundsprachen sind oft mehrdeutig. Rö 3,23: Haben die Menschen NeÜ: die Herrlichkeit Gottes verloren oder EÜ: erreichen sie nicht die Herrlichkeit Gottes? Das entsprechende griechische Wort kann sowohl verloren, verfehlt als auch erlangen bedeuten. Der Zusammenhang mit Vers 24 deutet eher auf die Version der NeÜ. Aber DS hält nur eine, d.h. seine Erklärung für richtig.

Sehr typisch für das Denken und die Schriftauslegung, die von sogenannten exklusiven Brüdergemeinden herkommt, sind 2Tim 2,15 das Wort „recht teilen“ oder „gerade schneiden“, was sie natürlich nur selbst richtig machen. Besonders auffällig ist das bei der Erklärung, besser Deutung von 2Tim 2,19. NeÜ: Wer den Namen des Herrn nennt, meide das Unrecht. EÜ: … stehe ab von der Ungerechtigkeit. Das beinhaltet nach DS: „Trennung von allem, wo Ungerechtigkeit geduldet wird. Das schließt mit ein, dass man sich auch persönlich z.B. von Gemeinden trennt, die das Schweigegebot für Frauen in der Versammlung nicht akzeptieren wollen.“ Es ist nicht zu fassen, was hier das Wort „Ungerechtigkeit“ aussagen soll. Mit Exegese, also sauberer Schriftauslegung hat das nun wirklich nichts zu tun. Für Schweigegebot oder Trennung gibt es andere Schriftstellen. Ähnlich verschwurbelt ist die Deutung der nächsten beiden Verse 2Tim 2,20-21.  

Der Textzusammenhang wird von DS häufig zugunsten einzelner Begriffe vernachlässigt. So behauptet er in 1Joh 4,1, dass es hier nicht um Menschen geht, sondern um satanische Geister. NeÜ: Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. EÜ: Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind. Wenn DS nur den Vers zu Ende gelesen hätte, müsste er merken, dass eine Begründung folgt: „Denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgegangen“. Es geht um gewisse Menschen, mit denen die Gläubigen zu tun haben und denen sollen wir keinen Glauben schenken. Wie man das Falsche in Menschen erkennen kann, wird in den folgenden Versen von Joh 4 beschrieben.

Zum Schluss: Nicht die Treue zum überlieferten System ist Bibeltreue, sondern das System (Dogmatik) muss selbst immer wieder an der Schrift geprüft werden. Das wünsche ich meinem Bruder und mir.

Karl-Heinz Vanheiden, 26.3.2020

 

[1] Was das Neue Testament betrifft, habe ich ausführlich zu der Diskussion über Textus Receptus, Mehrheitstext und Nestle-Aland-Text Stellung genommen, siehe „Näher am Original? Der Streit um den richtigen Urtext der Bibel.“ Witten 2007, 2. überarbeitete Auflage 2014.

[2] Siehe dazu den Sonderdruck des Bibelbundes: Karl-Heinz Vanheiden: „Die Bedeutung der Septuaginta (LXX) für die christliche Gemeinde“ vom Autor. Im Internet: https://www.derbibelvertrauen.de/der-bibel-vertrauen/bibeluebersetzungen/77-alte-uebersetzungen/die-septuaginta-lxx.html.

[3] http://www.lgvgh.de/wp/die-klarheit-der-schrift/6610.

[4] Aus einem sehr lesenswerten Artikel von Thomas Jeising in „Bibel und Gemeinde“ 2014 S. 6-8. Auch im Internet verfügbar: „Kein kleiner Mann im Ohr! Wie Gottes Geist dafür sorgt, dass wir sein Wort verstehen.“

[5] Einige dieser Beobachtungen habe ich schon in meiner Rezension von Schürmann/Isenberg: „Der vergessene Reichtum“ geäußert. https://bibelbund.de/2018/04/der-vergessene-reichtum/

[6] Zu einigen Hintergründen dieser Denkweise empfehle ich ein kleines Büchlein, das ich zusammen mit Andreas Ebert, dem ehemaligen Leiter der Bibelschule Burgstädt, geschrieben habe: "Systemtreu oder bibeltreu. Die Auswirkungen überbetonter Auslegungsprinzipien", erschienen im jota-Verlag Hammerbrücke.

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